Artikel: Nordkoreanische Flüchtlinge berichten im Bundestag 


Ergänzend steht ein Link der Internationalen Gemeinschaft für Menschenrechte (IGFM) zur zu der Veranstaltung zur Verfügung: 

 

http://www.igfm.de/veranstaltungen/vergangene-events-und-aktionen/berlin-nordkoreanische-zeugen-berichteten/

 

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Menschenrechtsverletzungen steht Nordkorea oft hinten an. Häufig wird über Simbabwe, Somalia, Russland, China oder den Einflussbereich des Islamischen Staates berichtet. Nordkorea hingegen wird meist nur im Zusammenhang mit seinem Raketen- und Atomprogramm thematisiert. Dabei verletzt das kommunistische Regime unter Kim-Jong-Un ganz erheblich und teils äußerst brutal elementare Grund- und Menschenrechte.

Dies bestätigt auch der Bericht einer Untersuchungskommission der Vereinten Nationen, vorgestellt im Februar 2014. Der „Report of the commission of inquiry on human rights in the Democratic People´s Republic of Korea“ stellt fest: „Eine breite Palette von Verbrechen gegen die Menschlichkeit … wurden und werden in der Demokratischen Volksrepublik Korea verübt.“ Das kommunistische Regime in Pjöngjang begeht diese „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ am eigenen Volk. Hierzu zählten mehrfacher Mord, Versklavung, Folter, Vergewaltigung und Zwangsabtreibung, Zwangsumsiedlung, Verfolgung von politisch, religiös und sexuell Andersdenkenden, als auch aus rassistischen Beweggründen.

 

Die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) engagiert sich schon seit den siebziger Jahren für Menschenrechte, vor allem im kommunistischen Einflussbereich der Sowjetunion.  Heute auch für die Menschen im Norden der koreanischen Halbinsel.

Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM, organsierte zusammen mit den Abgeordneten Dr. Stefan Heck (CDU) und Arnold Vaatz (CDU) ein Gespräch mit nordkoreanischen Flüchtlingen zum Thema „Nordkorea 2015: Sklavenarbeiter im Ausland, Zwangsarbeiter im Inland und nukleare Bedrohung für Südostasien“.

Die Berichte von Rim Il, fünf Monate als Sklavenarbeiter in Kuwait gefangen gehalten und Ahn Myeong Chul, nordkoreanischer Menschenrechtsaktivist, zeigen die ungeheuerlichen Seiten des Regimes, für uns in der westlichen Welt, unvorstellbar.

 

Rim Il, 1968 in Pjöngjang geboren, wurde als Zimmermann ausgebildet. 1996 nahm er, um die Ernährung seiner Familie sicherzustellen, ein Angebot des nordkoreanischen Arbeitsministeriums in Kuwait als Bauarbeiter zu arbeiten an. Mit circa 1800 anderen nordkoreanischen Sklavenarbeitern wurde er in einem mit Stacheldraht eingezäunten und von nordkoreanischen Wachen beaufsichtigten Camp gefangen gehalten. Trotz 12 bis 14 Stunden Arbeit täglich wurde der versprochenen Lohn von umgerechnet etwa 120 Dollar im Monat wurde nicht ausgezahlt. Auf die Frage nach seinem Geld antworteten die Verantwortlichen nur, er solle „an die hungernden Kinder in Nordkorea denken und dem Führer dafür danken …, dass er ihm die Möglichkeit gibt, drei Mahlzeiten an einem Tag zu bekommen“. Nach fünf Monaten Gefangenschaft beschloss Rim Il, nicht wieder nach Nordkorea zurückzukehren. Ihm gelang die Flucht in die südkoreanische Botschaft in Kuwait.

 

Das Schicksal der nordkoreanischen Zwangsarbeiter in Kuwait ist kein Einzelfall. Seit den 1970er Jahren „verkauft“ das Regime in Nordkorea Zwangsarbeiter ins Ausland. Arbeitgeber bleibt der nordkoreanische Staat, Löhne erhalten die Betroffenen in den seltensten Fällen. Derzeit seien, nach Angaben der britischen Zeitung Guardian, bis zu 65.000 nordkoreanische Arbeiter im Ausland tätig. Verkauft werden sie unter anderem nach Russland, China, in die Mongolei, den Nahen Osten und auf die Baustellen der FIFA Weltmeisterschaft 2022. Auch im EU-Nachbarland Polen sollen lange Zeit nordkoreanische Zwangsarbeiter, unter anderem auf einer Werft in Gdansk, eingesetzt worden sein.

Für die Meisten unter uns ist dieses erschreckende System des nordkoreanischen Regimes bisher unbekannt. Rim Ils Appell daher: Die Beispiele dieses menschenverachtenden Sklavenarbeitersystems weltweit bekannt machen, vor den Vereinten Nationen zur Sprache bringen und Sanktionen bewirken.

 

Der Menschenrechtsaktivist Ahn Myeong Chul, Jahrgang 1969, entstammt aus nordkoreanischer Sicht privilegierten Verhältnissen. In der Vergangenheit arbeitete Ahn Myeong Chul als Wächter und Fahrer in einem Lager für politische Gefangene. Schon während der Ausbildung wurde dem zukünftigen Wachpersonal eingebläut, bei politischen Häftlingen handele es sich um Schwerverbrecher, „Klassen-“ und „Volkesfeinde“, welche entsprechend zu behandeln seien: Schießbefehl bei Fluchtversuchen sowie Hinrichtung und Misshandlung der Gefangenen standen auf der Tagesordnung. Die Insassen hätten das Recht auf ein menschenwürdiges Leben verwirkt.

Anhs Vater, Mitglied der Arbeiterpartei Nordkoreas und für die regionale Nahrungsmittelzuteilung zuständig, zweifelte zunehmend am nordkoreanischen System. Ständige Unterversorgung und Hungersnöte hatten tausende Opfer gefordert. Noch bevor er für seine Kritik zur „Rechenschaft“ gezogen werden konnte, nahm sich Ahns Vater das Leben. Ahn selbst ergriff daraufhin die Flucht und erreichte nach drei Tagen Südkorea. Seine Mutter und Geschwister wurden verhaftet. Seit seiner Flucht engagiert sich Ahn für Menschenrechte in Korea. Er ist Aktivist der der Nichtregierungsorganisation „North Korea Gulag“.

 

Neben seiner eigenen Geschichte berichtet Ahn auch über die steigenden Hinrichtungszahlen seit der Machtübernahme durch Kim-Jong-Un. Seit 2012 seien demnach 80 hohe Generäle und Verantwortungsträger aus Partei und Regierung hingerichtet worden. Dies entspricht dem Siebenfachen der Hinrichtungen unter Kim-Jong-Uns Vater Kim-Jong-Il. Getötet wurden unter anderem Jang Song Thaek, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission und Mitglied des Politbüros der Partei der Arbeit Koreas. Dem Onkel Kim-Jong-Uns wurde staatsfeindliches Handeln, Korruption und Drogenmissbrauch vorgeworfen.

Im Frühjahr 2015 wurde Hyon Yong Chol, damals Verteidigungsminister Nordkoreas hingerichtet. Ihm wurde laut dem südkoreanischen Geheimdienst NIS „Untreue und Respektlosigkeit“ gegenüber dem „Großen Führer“ Kim-Jong-Un vorgeworfen. Der Verteidigungsminister ist im nordkoreanischen Staatsapparat die zweitmächtigste Person.

Unter Kim-Jong-Uns Herrschaft wurden auch neue Hinrichtungsmethoden eingeführt. So werden die zu exekutierenden mit einem Flugzeugabwehrgeschütz und einem Flammenwerfer getötet. Alle sterblichen Überreste sollen vernichtet werden. Verwandte und Angehörige der Person werden aus Abschreckungsgründen gezwungen, der Exekution zuzusehen.

Neben „parteischädlichen“ und „konterrevolutionären“ Aktivitäten gelten auch Lästerung und Beleidigung des „Großen Führers“, Beschwerde und Kritik sowie Ehebruch als Hinrichtungsgründe.

Vor allem werden auch viele „kleine Leute“ in Nordkorea aufgrund angeblicher „politischer Verfehlungen“ gefangen gehalten und exekutiert. Neunzig Prozent der Häftlinge wissen jedoch den Grund ihrer Haft nicht. Viele Inhaftierungen werden willkürlich vorgenommen, Sippenhaft ist an der Tagesordnung. Einmal im Arbeitslager gefangen, führt kein Weg zurück in die Freiheit. Verschiedenen Schätzungen zufolge betrifft dies 120.000 bis 200.000 Nordkoreaner. Auch die grausamen Auswüchse der Behandlung Andersdenkender dürften wenig bekannt sein. Gegenüber den Abgeordneten setzte sich auch Ahn für eine weltweite Bekanntmachung der Schicksale Gefangener und Exekutierter ein. Die unglaubliche Menschrechtslage in Nordkorea müsse weltweit mehr Aufmerksamkeit bekommen.

 

Die Veröffentlichung der Gräueltaten, die Sanktionierung und Ächtung von Staaten, welche den Einkauf von nordkoreanischen Arbeitssklaven billigen, ist momentan wahrscheinlich der einzige Weg, dem Regime zumindest in kleinem Rahmen finanzielle Mittel zu entziehen und damit Einhalt zu gewähren. Wirtschaftliche Sanktionen gegen Nordkorea selbst würden das einfache Volk härter treffen, als im Regime ein Umdenken zu erreichen.

Widerstand von Innen heraus ist ebenso auszuschließen. Der „Große Führer“ Kim-Jong-Un säubert – wie erwähnt – momentan die ihn umgebenden Eliten von Kritikern, um seine Machtbasis zu festigen. Die Bevölkerung selbst lebt so isoliert, dass sie von Wohlstand und Menschenrechten in Teilen der Welt nichts erfährt und somit nicht weiß, wie schlecht es ihr ergeht. Pausenlose Indoktrinierung und Propaganda tun ihr Übriges.

Ein Volksaufstand in einem derartig repressiven und reaktionären Regime scheint undenkbar. Es liegt also an uns, das Schicksal der Menschen in Nordkorea nicht vergessen zu machen.

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