Bundestagsrede: "Vereinbarte Debatte Friedliche Revolution – 25 Jahre nach dem Mauerfall"

Herr Präsident!

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

 

Gestatten Sie mir, mit einem Zitat zu beginnen: Wir haben hier warme und sichere Unterkunft für jeden, wir haben hier medizinische Betreuung, jeder wird satt, und es gibt Arbeit für alle. – Das sagte der Strafvollzugsbeamte, der uns am 23. Dezember 1982 in der Strafvoll¬zugseinrichtung Unterwellenborn begrüßte, zu uns. Das heißt, es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die wichtig sind für Menschen, die man aber in jedem Gefängnis bereitstellen kann. Meine Damen und Herren, das hat Herr Gysi richtig gesagt: Ohne Freiheit sind alle diese Dinge nicht viel. Ich füge dem hinzu: Sie sind nichts. Der Mauerfall, über den wir heute sprechen, ist ganz wesentlich von jenen bewirkt worden, die im Sommer 1989 in Scharen die DDR verlassen haben, alles hinter sich gelassen haben, überhaupt nicht an alle diese Dinge gedacht haben, die heute den größten Teil unserer politischen Auseinandersetzung in der Bundesrepublik Deutschland ausmachen, die nur eines wollten: wenn nötig, mit dem nackten Leben den Zustand hinter sich lassen, der sie einengt, der sie ihrer Selbstbestimmung und ihrer Würde beraubt. Das war das Ziel; das haben sie erreicht. Das war der entscheidende Anstoß dafür, dass diese Mauer fiel.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich aber auch sagen: Der Mauerfall als solcher mag mit seinen Bildern die ganze Welt fasziniert und in seinen Bann gezogen haben; aber es war noch nicht der Durchbruch. Nach dem Mauerfall erwartete uns alle in Ostdeutschland noch härteste Arbeit, um tatsächlich der Demokratie zum Durchbruch zu verhelfen; denn wie Sie vielleicht wissen, hatten die Grenzbeamten damals Anweisung, einen sogenannten Querulantenstempel in die Ausweise zu setzen. Was bedeutete das? Etliche bekamen die Stempel aufs Passbild, mit der Absicht, sie nicht wieder rüberzulassen, wenn sie wieder rüberkommen wollen. Das ist verbürgt. Das heißt, die Möglichkeit, die Mauer wieder zu schließen, die Möglichkeit, 300 000 Menschen wegzulassen und dann zu sagen, jetzt machen wir wieder zu, und mit dem Rest werden wir leicht fertig, hat nach dem Mauerfall theoretisch noch bestanden. Aber, meine Damen und Herren, wir sind eben weiter gegangen und haben dann versucht, die Strukturen zu zerstören, die wesentlich waren, um genau den Zustand DDR so lange Jahre auf-rechtzuerhalten. Das Besondere ist die Besetzung der Staatssicherheit, und das Besondere ist, dass wir es dann geschafft haben, wirklich freie Wahlen abzuhalten. Meine Damen und Herren, was wir damals erlebt haben, sollte uns heute eine Mahnung sein, dafür zu sorgen, dass auch alle diejenigen sich unserer Solidarität sicher sein können, die aus einer ähnlichen Situation herauswollen, aus der wir damals mit Erfolg herausgekommen sind. Wir waren in Ostdeutschland nicht in erster Linie die Untertanen der SED. Wir waren über 40 Jahre lang die Untertanen der Sowjetunion. Die SED hätte nicht bei uns regieren können, wenn nicht ständig 500 000 russische Soldaten in den Kasernen als Besatzungsmacht an¬wesend gewesen wären. Meine Damen und Herren, deshalb macht es mich besonders nachdenklich, wenn ich einerseits vom Herrn Bundestagspräsidenten höre, dass der sanftmütige und freundliche Vaclav Havel unmittelbar vor den Ereignissen in den Tschechoslowakei im Sommer 1989 wegen Rowdytums eingesperrt war. Andererseits höre ich, wie eine ganze Regierung, nämlich die in Kiew, pauschal als faschistisch verunglimpft wird. Das ist dieselbe Tonlage, meine Damen und Herren, und diese Tonlage möchte ich heute im wiedervereinigten Deutschland in diesem Hause nicht mehr hören.

 

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir am Ende mit Ihrer Genehmigung, Herr Präsident, noch einen Vers zu zitieren von unserem Freund Wolf Biermann, der uns heute hier ein Lied gesungen hat. Er hat noch mehr gedichtet, zum Beispiel die „Ballade vom gut Kirschen¬essen“. Da trifft er im Traum Robert Havemann und schreibt dann:

 

Ich sang ihm die schönsten Lieder

Da wurde der Himmel plötzlich schwarz

Von tausendfachem Gefieder

Ein Schwarm flog in die kalte Nacht

Und krächzte im Nieselregen (Vornweg das ganze Politbüro):

„Dem Abendrot, dem Abendrot, dem Abendrot entgegen“

Gen Osten gegen den Wind anschrien Im Flug die verzauberten Raben

 

Und jetzt kommt der entscheidende Satz.

 

Jetzt weiß ich: Sie haben uns alles verziehen

Was sie uns angetan haben.

 

Vielen Dank.

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Kommentare: 2
  • #1

    Eckart Frey (Montag, 10 November 2014 19:15)

    Sehr geehrter Herr Vaatz!

    Nach den bewegenden und aufwühlenden Feierlichkeiten zum Gedenken an den 9. November 1989 ist es mir ein Anliegen, Ihnen persönlich zu schreiben und Ihnen ganz besonders für ihre großartige Rede während der Feierstunde im Deutschen Bundestag zu danken!
    Sie haben mit dieser beeindruckenden Rede ganz entscheidend mit dazu beigetragen, dass diese Gedenkfeier in der Presse zu Recht als eine „wahre Sternstunde des Parlaments“ bezeichnet worden ist (u.a. von Volker Zastrow in seinem Artikel „Ermutigung“ in der der FAS vom 9.11.2014).

    Für mich sind es vor allem drei „Sterne“, welche die Feierstunde erhellt haben und zu einer parlamentarischen Sternstunde haben werden lassen:

    Zunächst war es die freundlich-souveräne und gelassene Heiterkeit, mit der Bundespräsident Norbert Lammert die Reden begleitet, den (vorhersehbaren) Redebeitrag von Wolf Biermann ermöglicht und ihm über alle Klippen hinweggeholfen hat; dann war es natürlich der Beitrag von Wolf Biermann selbst, der eine „Ermutigung“ nicht nur für die Opfer der DDR-Diktatur war, sondern auch ein Beispiel für das freie Wort im Parlament der deutschen Demokratie; und schließlich – last not least – war es Ihre (im wahrsten Sinne des Wortes) frei gesprochene Rede, mit der Sie sich in beeindruckender Weise als einziger Redner die Freiheit genommen haben, der Rede des Abgeordneten Gregor Gysi alias IM „Notar“ mit einer wunderbaren Metapher zu widersprechen und sie damit ad absurdum zu führen:
    auch ein Gefängnis bietet schließlich „warme und sichere Unterkunft für jeden, medizinische Betreuung, jeder wird satt, und es gibt Arbeit für alle “ - aber ohne Freiheit sind alle diese Dinge eben nichts. Großartig!

    Mit dem Ende Ihrer Rede haben Sie dann noch einmal zielgenau einen zweiten Pfeil auf den „elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“ gerichtet , indem Sie eine zweite wichtige und schöne Ballade von Wolf Biermann zitiert und damit einen Bogen zur „Ermutigung“ gespannt haben:
    Die „Ballade vom Gut Kirschenessen“ wäre tatsächlich eine passende Ergänzung, quasi eine herrliche „Zugabe“ des Liedersängers gewesen, die er für diese „elend reaktionären schwarzen Raben“ sicher auch selber noch gern hätte vortragen mögen: „sie haben uns alles verziehen, was sie uns angetan haben.“
    Großen Dank an den Abgeordneten Arnold Vaatz, dass er es am Ende für ihn und uns getan hat!

  • #2

    Betroffener (Dienstag, 09 Dezember 2014 17:34)

    Wer als politisch Inhaftierter von diesen rotlackierten Faschisten in der DDR, gequält, gedemütigt und ausgebeutet wurde, wird so schnell nicht vergessen was ihm angetan wurde. Er ist hellwach und beobachtet die Relativierung des DDR-Unrechts auch im Hinblick auf den Vergleich mit NS-Unrecht. Nicht wenige der sich bei Talkshows drängelnden Revoluzzern der letzten Stunde der DDR, saßen auch niemals in Haft bei der MfS. Würden die Richtigen befragt werden, würde man merken, daß zum Vergeben immer auch mindestens einer gehört, der aufrichtig und nicht zur aus Machtkalkül bereut! Und tätige Reue heißt auch den Fachleuten zuzuhören, die warnen, daß sich die Opfer wegen der Staatsräson der erstrebten Volksbefriedung, oftmals nur benützt fühlen, da sie mit der Realität, der nur widerwillig agierenden Versorgungsämtern, eines Besseren belehrt werden.

    siehe auch:
    Politische Traumatisierung in der ehemaligen
    DDR/SBZ und ihre Verarbeitung im
    (post)traumatischen Raum des
    wiedervereinigten Deutschlands:
    http://amnesty-heilberufe.de/wp-content/uploads/2014/03/n2006trobisch.pdf