Interview A. Vaatz mit der Deutschen Welle Ukraine: "Hilfe für verwundete Maidanaktivisten unabhängig von politischen Ansichten"

Wieso hat sich Deutschland bereiterklärt, verwundete Maidandemonstranten zur Behandlung aufzunehmen? Wie werden die Maidanopfer von Bundestagsabgeordneten unterstützt? Darüber sprach der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Arnold Vaatz im Interview mit DW.

 

[Bildunterschrift] Nach der Behandlung in Sachsen besuchten die Maidanaktivisten Berlin

 

„In den letzten Tagen kommen aus Kiew Nachrichten über Tote und Verwundete. Niemand in diesem Sitzungssaal kann sagen, wie all das enden wird. Aber die Menschen in der Ukraine kämpfen für ihr Recht auf eine Zukunft“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Arnold Vaatz am 21. Februar 2014 am Rednerpult des Plenarsaales.

 

„Dem jungen Mann flog eine Granate ins Gesicht, sein Auge wurde zerfetzt, man hat es direkt vor Ort ohne Betäubung entfernt. Er wurde zwar aus der Gefahrenzone gebracht, aber die postoperative Behandlung war in der Ukraine nicht möglich. Das könnte man in Deutschland tun, aber der junge Mann bekommt kein Visum. Und niemand ist bereit, die Behandlungskosten hier zu bezahlen. Damit kann man sich nicht abfinden… Erinnern Sie sich daran, wie 1989 Ostdeutsche von Westdeutschen mit allem Notwendigen versorgt wurden“, wandte sich der Bundestagsabgeordnete aus Sachsen an seine Kollegen.

 

Dank dieser Rede kamen sechs Maidan-Aktivisten aus der Westukraine zur Behandlung nach Dresden und Bautzen. Darüber, warum Arnold Vaatz sich um die Verwundeten des Maidan kümmert, unterhielt sich die DW mit dem Abgeordneten.

 

Deutsche Welle: Was veranlasste Sie, vor dem Bundestag über die Verwundeten des Maidan zu sprechen?

 

Arnold Vaatz: Zu meinem Wahlkreis gehört die Stadt Radeberg und einer meiner Wähler lebt heute in der Ukraine, in Iwano-Frankiwsk. Er setzt sich schon seit vielen Jahren für eine Städtepartnerschaft ein. Als sich die Situation auf dem Maidan verschärfte, kamen sehr beunruhigende Nachrichten von ihm. Er schrieb ausführlich über die Verwundeten, insbesondere aus Lwiw und Iwano-Frankiwsk, die in den staatlichen Kiewer Krankenhäusern keine angemessene medizinische Versorgung erhielten, sondern von den Ärzten auf dem Maidan versorgt wurden. Und er fragte, wie wir ihnen helfen können.

 

Auf Grund dieser Informationen wandte ich mich an das Auswärtige Amt mit einer Anfrage, ob wir helfen können: Gibt es entsprechende finanzielle Mittel, kann man diesen Menschen umgehend ein Visum erteilen? Das Auswärtige Amt antwortete ablehnend. So nutzte ich am 21. Februar, als es in Kiew schon Dutzende Tote gab, eine Rede zur deutschen Einheit, um meinen Kollegen von den Verwundeten zu berichten, die keine angemessene Hilfe bekommen. Danach reagierte das Auswärtige Amt sofort und sicherte schnellstmögliche Unterstützung zu.

 

 

Der Aufenthalt von Verwundeten und Kranken in deutschen Krankenhäusern ist nicht billig. Wer hat die Behandlung der sechs Männer, die nach Sachsen kamen, finanziert? Schließlich ging es sowohl um Schussverletzungen mit schweren Folgen als auch um gefährliche Komplikationen einer Lungenentzündung.

 

Wir haben uns sofort mit den Krankenhäusern in meinem Kreis in Verbindung gesetzt, über 70 Anfragen gestellt. Und wir bekamen sechs Antworten, dass die Krankenhäuser bereit sind, die Patienten kostenlos zu behandeln. Außerdem stellte die Johanniter-Unfall-Hilfe drei Fahrzeuge und Personal für den Krankentransport bereit. So sind wir am 5. März nach Lwiw losgefahren, wo wir die sechs jungen Männer abholten, zwei von ihnen in sehr schlechtem Zustand. Die Ärzte vom Maidan hatten sie ausgewählt.

 

Sie haben den gemeinnützigen Verein „EuroMaidan-Sachsen“ gegründet. Wie haben Ihre Abgeordnetenkollegen darauf reagiert? Schließlich hatte Russland damals verkündet, bei den Maidankämpfern handele es sich um „Terroristen“, „Extremisten“ und „Faschisten“.

 

Wir haben damals schon verstanden, dass das Lügen sind, und wir haben den Verwundeten vom Maidan ermöglicht, mit der hiesigen Presse zu sprechen. Das, was diese Männer den Journalisten erzählten, hatte absolut nichts mit Extremismus zu tun. Im Gegenteil, sie verteidigten europäische demokratische Werte. Die Verwundeten aus Lwiw und Iwano-Frankiwsk waren das beste Gegenargument gegen diese Position Russlands.

Übrigens hat unser Verein nichts mit Politik zu tun. Sein Ziel ist es, politisch Verfolgten, Kriegsopfern und zivilen Opfern aus der Ukraine zu helfen. Dabei wird das Staatsgebiet der Ukraine mit Stand vom 1. Januar 2014 definiert.

 

[Bildunterschrift] Die Maidanaktivisten bei einem Treffen mit Abgeordneten und dem Präsidenten des Bundestages Norbert Lammert

 

Heißt das, dass der Verein auch Milizmitarbeitern helfen könnte, die während der Zusammenstöße in Kiew verletzt wurden und allen helfen wird, unabhängig von ihren politischen Ansichten?

 

Ich schließe nichts aus und sage Ihnen offen, dass wir die Menschen nicht zu ihren politischen Überzeugungen befragen werden. Wir werden die Ärzte fragen, wie ernst die Verletzungen sind und ob das Land in der Lage ist, die entsprechende Hilfe zu leisten. Ich gebe zu, dass bei den Verwundeten vom Maidan vorrangig Demonstranten der Proteste gegen Janukowytsch ausgewählt wurden, die sich zu der Zeit nicht an staatliche medizinische Einrichtungen wenden konnten, da sie begründete Befürchtungen bezüglich möglicher Folgen hatten.

 

Haben Sie eine politische Prognose bezüglich des russisch-ukrainischen Konflikts?

 

Ich bin beeindruckt davon, wie die russischen „Muskelspiele“ das Bewusstsein der Ukrainer beeinflusst haben. Ich habe gesehen, wie viele Demonstrationen für die Einheit und Integrität des Landes in verschiedenen Städten der Ukraine stattfanden. Gleichzeitig ist Putins Streben nach Expansion offensichtlich ungebrochen, da ein großer Teil der Russen ihn unterstützt. Leider hat es in Russland, im Gegensatz zu Deutschland, keine Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben. Und wenn die dortige Öffentlichkeit solche Handlungen unterstützt, befürchte ich, dass uns nichts Gutes bevorsteht.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0