Vortrag: 600 Jahre Stadtrecht für Radeberg - 1412: Europa, Deutschland, Elbe, Röder - gehalten im Schloss Klippenstein

Um das Jahr 1412 dreht sich in Radeberg in diesem Jahr alles Mögliche: Umzüge,Ausstellungen, Kostüme, alles, was das Herz begehrt. Aber – ich weiß nicht wie es Ihnen geht: Am Ende geraten die vielen bunten Fakten gerne durcheinander. In welch eine Zeit fieldenn nun dieses Jahr 1412? Barbarossa? Kopernikus? Dante? Sir Fracis Drake? Störtebeker?Kreuzfahrer? Mongolensturm? Oder nichts und keiner von allen? Und was bewegte sich politisch? Und warum? Gab es Krieg, gab es Frieden? Welche Fragen standen auf der Tagesordnung? Was bewegte die Menschen? Was wäre in den Abendnachrichten gekommen, hätte es damals Fernsehen gegeben?

 

Soviel ist richtig: Radeberg wurde Stadt. Damit sind wir schon bei einem komplizierten Sachverhalt: Was ist eine Stadt? Das Deutsche Mittelalter ist als Zeit des Feudalismus bekannt. Feudalismus bedeutet: Im Mittelpunkt aller Rechtsbegriffe stand damals das Feudum – zu deutsch das Lehen. Der Inhaber bestimmter Rechtsgüter – etwa von Land, aber auch von Einkünften, Herrschaftsrechten über Dörfer oder Städte, Vogteirechten über Klöster, Berg-, Wasser-, Forst- oder Jagdrechten – konnte eine andere Person mit diesen Rechtsgütern ausstatten, sie ihr leihen. Das Verliehene nannte man das Lehen, den Lehnsnehmer einen Vasallen seines Lehnsherren, der nun diesem gegenüber Gefolgschaftspflichten hatte. Beinahe das gesamte europäische Herrschaftsgefüge des Mittelalters war ein System aus solchen Gefolgschaftspflichten, an dessen Spitze als oberster Lehnsherr der König stand.

Aber nur beinahe; denn es gab auch noch etwas Anderes: Für die Institution Stadt gilt diese Charakteristik nur im Außenverhältnis. Nach außen war sie in der Regel in feudale Zwänge eingebunden. Nach innen war sie aber nichtfeudal organisiert. In ihr steckt der Virus der römischen Rechtstradition, das, was wir heute unser Zivilrecht nennen – ein Gegenprogramm zum feudalen Geist. Die Stadt als Gesellschaftsgebilde ist auch älter als das deutsche Mittelalter. Die Stadt hatten die Römer an den Rhein gebracht. Von dort aus breitete das Modell Stadt sich vom 8. Jahrhundert an immer weiter nach Osten aus, bis es im 12. Jahrhundert unserer Region erreichte. Die römische Tradition der Stadt betraf nicht nur das Recht: Sie betraf auch Kultur und Selbstbewusstsein. „Stadtluft macht frei“ dieser Ruf galt im ganzen deutschen Mittelalter und meinte: Freiheit von feudaler Abhängigkeit.

 

Die Stadt war hierzulande zu jeder Zeit der Treibsatz aller wirtschaftlichen Prosperität. Die Quelle dieser Kraft war, dass sie das christliche Zinsverbot umging und auf diese Weise ein Wichmann v. Seeburg, Erzbischof v. Magdeburg 1154-1192 Kreditwesen ermöglichte. Mat tat dies, indem man Dienste von Menschen in Anspruch nahm, für die dies Verbot nicht galt, weil sie keine Christen waren: Die Anwesenheit von Juden als Träger des Kreditwesens waren ein Hauptmerkmal einer mittelalterlichen Stadt. Das brachte Konflikte. Zeiten des Schutzes der Juden (so geschehen durch Kaiser Heinrich IV. an der Schwelle zum 12. Jh.) und der Verfolgung (etwa durch Markgraf Friedrich den Ernsthaften von Meißen im Jahr 1349) wechselten einander ab. Der moderne Antisemitismus hat gewiss eine seiner Wurzeln in dem Gemisch aus Neid und Aberglauben, das den Juden schon im deutschen Mittelalter entgegenschlug, auch wenn man niemals soweit gehen darf, aus sicherer historischer Entfernung einen mittelalterlichen Herrscher für die Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen.

Den städtischen Bedürfnissen im äußeren feudalen Rahmen einen Platz zu sichern, war eine schwierige Aufgabe. Im Rheinland hatte man althergebrachte Praktiken der mittelalterlichen Kommunalpolitik, die sich auf lange und starke Traditionen gründeten, aber im Osten gab es diese nicht. Den einstweilen besten und zukunftsträchtigsten Weg zur Lösung der inneren und äußeren städtischen Aufgaben fand man in Magdeburg. Magdeburg erhielt 1154 einen Stadtherren, der mittelosteuropäische Geschichte schrieb: Erzbischof Wichmann von Seeburg. Er starb 1192. Er wurde zu einem der bedeutendsten Juristen der europäischen Geschichte, weil er das Magdeburger Stadtrecht entwickelte, das seit 1188 in Magdeburg galt und sich in den folgenden dreihundert Jahren nach ganz Mittel- und Osteuropa ausbreitete. Es bestand aus einem am damaligen Erfahrungsstand optimal ausgerichteten Straf- und Zivilrecht hatte aber seinen eigentlichen Kern in einem Machtverzicht des Stadtherren: Zwar blieb der Erzbischof oberster Richter, aber er delegierte wesentliche zivilrechtliche und niedere strafrechtliche Fragen an einen, von der Bürgerschaft gestellten, unabhängig urteilenden Schöppenstuhl. Damit war ein wichtiger Schritt zur Befriedung hergestellt.

Dieser Schritt befreite das städtische Wirtschaftsleben. Weite Teile Ostmitteleuropas übernahmen das Modell Magdeburg: Thorn, Kiew, Nowgorod. Aber auch kleinere Städte wie eben Radeberg. In der europäischen Rechtsgeschichte gab es kaum beständigere, über alle Zeiten angesehenere Rechtsfiguren, als das Magdeburger Recht. In keiner Stadtchronik wird seine Wirkung anders als lobend hervorgehoben. Es hielt, bis Napoleon im 19. Jahrhundert das alte Reich zerschlug, also etwa 600 Jahre. Bei der Kurzlebigkeit unserer modernen Gesetze kann das einen Abgeordneten des Deutschen Bundestages schon etwas melancholisch stimmen.

 

Die Stadt als Institution bohrte sich also, angetrieben vom Virus der Freiheit, in das feudale Gefüge und schlug eine Bresche nach der anderen in die Machtvollkommenheit der adligen Stadtherren. Der Stadtherr – Bischof, Fürst oder Vogt – gedachte seine Herrschaftsrechte durchsetzen. Die Bürgerschaft gedachte ihr durch Handel, Beherbergung und Gewerbe erarbeitetes Geld zu behalten. Und keine Seite konnte den Bogen wirklich überspannen: Verlor die Stadt an Prosperität, verlor der Stadtherr mit. Vertrieb die Stadt den Stadtherren, dann hieß das Sanktionen, Ächtung, Verdikt oder Krieg.

 

Die Zeit, in die die Stadt Radeberg hinein privilegiert wurde, war für unsere Region eine prosperierende, dynamische Zeit – für das Elbtal und die Lausitz beinahe ein goldenes Zeitalter. Aber: Am ausbalancierten Machtgefüge in der Reichspolitik zeigten sich auch in jenen Jahren immer gefährlichere Risse.

Das eben zu Ende gegangene 14. Jahrhundert war das Jahrhundert des Hauses Luxemburg. Seit 1308 – mit einer Unterbrechung von 33 Jahren – hatte dieses Haus die deutschen Könige und Kaiser gestellt und stellte sie noch immer. Wie jedes neu die Reichgeschichte bestimmende Königsgeschlecht hatten die Luxemburger den unbedingten Willen, die Hausmacht, die ihre Familie in das Königsamt mitbrachte, zu erweitern. Die Möglichkeit ergab sich nicht weit von unserer Region: In Böhmen.

1306 war mit Wenzel III. der letzte böhmische König aus dem Haus Przemysl einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Die Thronwirren hatten sich noch nicht gelegt, als der erste Luxemburger zum König gewählt wurde. Er ergriff die Gelegenheit in das böhmische Machtvakuum hineinzustoßen, indem er 1310 seinen 14jährigen Sohn Johann mit der Schwester dieses ermordeten Böhmenkönigs verheiratete.

In Böhmen sprach man damals hauptsächlich tschechisch, war aber vom deutschen In Böhmen sprach man damals hauptsächlich tschechisch, war aber vom deutschen Sprachraum umringt. Bislang war das, was wir heute „Nationalbewusstsein“ nennen, in der europäischen Politik kaum eine beachtenswerte Größe. Erst in der Zeit, die wir jetzt besprechen, brach es erstmals massiv – von tschechischer Seite – in unserer Region aus. Nachdem sich das landfremde Haus Luxemburg Böhmen erheiratet hatte, wurden die Gegensätze zwischen den tschechischen Ständen und dem Herrscherhaus stetig größer und gelangten, angefacht durch religiösen Zwist, im 15. Jahrhundert zur Explosion.

 

Aber dazu später. Zunächst einmal rückte die Region zwischen Saale und Elbe – die Markgrafschaft Meißen, das Vogtland, das zwischen dem König und dem Haus Wettin umstrittene Pleißenland und die zahlreichen Einsprengsel kleinerer geistlicher und weltlicher Territorien stärker als je zuvor in den Focus der europäischen Politik, zunächst in den des Kaisers.

1349 setzte sich nämlich König Johanns Sohn Karl als Deutscher König durch und machte Prag zu seiner Residenz (Als König von Böhmen hatte er damals bereits seinen Vater Johann beerbt). Unsere Region lag jetzt nicht mehr irgendwo im fernen Osten, sondern unmittelbar vor den Toren der sich schnell entwickelnden Kaiserstadt. Karl war ein emsiger Bauherr. In Prag entstand der neue Veitsdom, die alte Visehrader Premysliden-Residenz erhielt ein neues Gesicht und die Moldau eine neue, steinerne Brücke, die Karlsbrücke, womit die Kleinseite mit dem Hradschin der Innenstadt zugeschlagen werden konnte. Obendrein holte Karl mit Peter Parler eines der größten Baumeister- und Steinmetzgenies seiner Zeit nach Prag.

 

Seine dauerhafteste Weichenstellung war aber die Gründung der Prager Universität im Jahr 1348. Die Karlsuniversität war Demonstration und Provokation zugleich. Das 14. Jahrhundert wurde einst eingeläutet mit dem Exil der Päpste in Avignon. Dem folgte ein politischer Bedeutungsverlust des Papsttums und ein theologischer Autoritätsverlust der Kirche. Die Kirchendissidenten schossen aus dem Boden und bevölkerten die Universitäten. Der Theologe John Wiclif verwarf von Oxford aus die Bilder-, Heiligenverehrung, griff den Zölibat scharf an und leugnete mit der Lehre von der Transsubstantiation einen Kernbestand der katholischen Abendmahlslehre. Zu Karls Lebzeiten war die Bedeutung dieser Lehren noch gering, aber später sollte sich das ändern.

Karl IV. war böhmischer König und bald, nach einem Romzug 1355, römischer Kaiser. Seine enorme Macht lag wie ein Schatten auf der Mark Meißen. Zwar ließ er die Mark unbehelligt. Aber seine Einkreisungspolitik wirkte bedrohlich: Die nördlich angrenzende Mark Brandenburg besetzte er mit seinen Verwandten. In Görlitz postierte er seinen noch unmündigen Sohn Johann. Bei Stendal, wo der Tanger in die Elbe fließt, ließ er eine zweite Residenz für sich errichten, deren Fertigstellung durch seinen Tod allerdings abbrach: Tangermünde. Als die Markgrafen von Meißen mit Karls Hilfe im Vogtländischen Krieg das südliche Vogtland annektierten, wusste sich Karl seinen Anteil an der Beute zu sichern und übernahm als westlichen Stützpunkt Burg und Stadt Mylau. In allen vier Himmelsrichtungen grenzte die Mark Meißen nun an Karls Einflussbereiche.

Aber nicht genug: Auch in der Herzkammer Meißens, auf dem Meißener Bischofsstuhl, wusste Karl mit Johann von Jenstein einen böhmischen Adligen aus dem königstreuen Haus Wlasim zu platzieren – wobei er das Meißner Domkapitel überging. Die Markgrafen von Meißen ließen ihn nolens volens gewähren: Sie mussten stillhalten und jeden Fehler vermeiden, um den mächtigen Nachbarn nicht zu reizen. Das Röderland war Grenzland zur Oberlausitz. Im Osten stieß es an die bischöflich-Meißnische Exklave Stolpen mit Bischofswerda und anderen umgebenden Orten. Die Oberlausitz aber war in der Zeit, über die wir reden, böhmisch. Die damalige Grenze der Mark Meißen nach Osten gegen Böhmen war die Pulsnitz. Der Ort, an der die Dresdner Ausfallstraße über eine Brücke die Pulsnitz ins oberlausitzer Königsland querte, heißt noch heute Königsbrück. Dieser Name rührt, wie der der preußischen Metropole Königsberg, nicht nach irgendeinem deutschen König oder Kaiser, sondern nach dem Böhmenkönig Otokar II. Przemysl, der 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut fiel. In seinem Nebenland Oberlausitz hat es allerdings der böhmische König – weder Johann noch sein Sohn Karl – kaum je versucht, Recht und Landfrieden durchzusetzen, weshalb die oberlausitzer Städte zur Selbsthilfe griffen und sich zu einem Verteidigungsbündnis gegen den räuberischen Landadel zusammenschlossen. 

Sie gründeten 1356 den Sechsstädtebund. Danach nannte man das Land im Volksmund vielfach auch das Land der Sechstädte.

 

Man könnte fast meinen, mit der Privilegierung Radebergs mit dem Stadtrecht sei ganz bewusst eine Schwächephase des böhmischen Königreiches genutzt worden, weil dies andernfalls so dicht an der Grenze durchaus auch als Provokation hätte gewertet werden können.

Diese Schwächephase hatte mit Karls Tod begonnen. Er starb 1378. Für seinen ältesten Sohn Wenzel als Nachfolger waren die Fußstapfen des Vaters zu groß. Die meißnischen Markgrafen atmeten auf.

 

In dieses Markgrafenamt teilten sich zu Karls Zeiten die drei Brüder Friedrich, Balthasar und Wilhelm – wegen eines erlittenen Körperschadens auch der Einäugige genannt – aus dem Haus Wettin. Sie regierten mehr oder weniger gemeinschaftlich unter Friedrichs Seniorat und bis zum Jahr 1359 zudem unter dem wachsamen Auge ihrer gemeinsamen Großmutter Elisabeth von Arnshauck die Mark Meißen. Wilhelm der Einäugige – der jüngste und tatkräftigste Sohn Friedrichs des Ernsthaften – hatte auf der Höhe von Kaiser Karls Macht Karls Nichte Elisabeth geheiratet. Auch das mag die Hemmschwelle des Kaisers für Schritte gegen die Mark Meißen erhöht haben: Jedenfalls überlebte die Mark Meißen den mächtigen Luxemburger.

Die Schwäche eines mittelalterlichen Herrschers, in diesem Falle König Wenzels, weckte in aller Regel Begehrlichkeiten. Wenzels Schwäche lag zum Teil in seinem unausgeglichenen Wesen, seinem Jähzorn, seiner Grausamkeit, aber wohl zum gewichtigeren Teil in der für ihn immer unbeherrschbarer werdenden Polarisierung innerhalb der Kirche sowie der stetig wachsenden Kraft des böhmischen Adels. Dies überforderte seine Kräfte. Daran, sich in die großen europäischen Machtverschiebungen seiner Zeit einzumischen, konnte er nicht wirklich denken.

 

Was sich hier aber im ganzen 14. und frühen 15. Jh. abspielte, war nichts weniger als eine Neuordnung Europas, bei der nun ausgerechnet der höchste weltliche Repräsentant des Römisch-Deutschen Reiches untätig zusah. Mit den ungarischen Arpaden (1301), der 6 Urban VI., Papst in Rom 1378-89 Jobst v. Mähren, röm.-dt. König 1410-11 Hauptlinie der französischen Capetinger (1328) und den Piasten (1370) waren neben dem böhmischen Königshaus, das seine Erben im Haus Luxemburg gefunden hatte, nicht weniger als drei weitere europäische Herrscherdynastien ausgestorben. Die Erbfolgeauseinandersetzungen veränderten den ganzen Kontinent: Auf französischen Boden tobte der sogenannte „Hundertjährige Krieg“ mit den englischen Plantagenets (in dessen erster großer Schlacht bei Crécy im Jahr 1346 übrigens König Johann von Böhmen auf französischer Seite gefallen war). In Polen hatte der Adel die Heirat der Erbprizessin Jadwiga mit dem Litauerfürsten Wladyslaw Jagiello durchgesetzt. Damit war ein Imperium begründet, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte und im Jahr 1410, zwei Jahre vor Gründung Radebergs, die Macht des deutschen Ordensstaates in Preußen brach: Alle diese Ereignisse hätten zwar um diese Zeiten die Abendnachrichten gefüllt, aber unsere Region im Kern nicht betroffen.

Uns betraf die Bewegung innerhalb der Kirche. Immer mehr Stimmen hatten seit den siebziger Jahren den Autoritätsverlust der Kirche dem Auszug der Päpste aus der heiligen Stadt zugeschrieben und forderten deren Rückkehr nach Rom. Als 1378, welches das Todesjahr Karls IV. werden sollte, ein neuer Papst gewählt wurde, nahm dieser den Namen „Urban“ an, dieser Name war Programm, und bezog seine Residenz in Rom. Er entpuppte sich als grausamer Despot. Indem er die Dominanz des französischen Klerus im Kardinalskollegium brach, löste er eine Kirchenspaltung aus. Ein Teil der Kardinäle reiste nach Avignon und wählte dort einen weiteren Papst, der sich Clemens nannte. Damit war das große abendländische Schisma in der Welt. Es ging eine Front mitten durch Europa: Die westlichen Teile bekannten sich zu Urban, England, Norditalien und Mitteleuropa hielten zu Urban. Bald darauf gab es in Pisa noch einen dritten Papst.

Die Entzweiung drang bis ins Innere der Prager Burg. Der schon erwähnte Bischof vom Meißen, Johann von Jenstein, war noch in Karls letztem Lebensmonat zum Erzbischof von Prag und Kanzler des Kronprinzen Wenzel aufgestiegen. Als er jedoch versuchte, die Anhänger des avignonesischen Gegenpapstes Clemens zu bekämpfen, fiel er bei Wenzel in Ungnade. Einer seiner Getreuen war der Prager Generalvikar und Beichtvater der Königin, Johann Nepomuk. Eine im Sinne des Königs missglückte Bischofswahl führte zur Hinrichtung Nepomuks, die zunächst in der prager, aber dann auch in der deutschen Öffentlichkeit Wenzels Ansehen stark beschädigte. Es entstand die Legende, Nepomuk habe sterben müssen, weil er sich geweigert hatte, gegenüber Wenzel, der seine Gattin der Untreue verdächtigte, das Beichtgeheimnis zu brechen.

 

Auch in der Königsfamilie selbst brach Zwist aus. Der Adel witterte Morgenluft und forderte stärkere Rechte ein. Er wurde angespornt ausgerechnet durch Jobst von Mähren, Wenzels Cousin. Jobst, von Zeitgenossen als äußerst „pfiffig, gewinnsüchtig, geizig und landhungrig“ beschrieben, stellte sich auf die Seite der Aufbegehrenden und nahm den König 1394 kurzerhand gefangen. Johann von Görlitz schlichtete zwischen seinem Bruder und seinem Cousin, Wenzel kam nach ein paar Wochen wieder frei.

Aber die Wirren in Böhmen verschärften sich und beraubten Wenzel, der um seine nackte Existenz kämpfte, auch weiterhin jeder Möglichkeit, sich um Reichsangelegenheiten außer- halb Böhmens zu kümmern.

Das führte zu seiner Demission. Am 20. August 1400 trafen sich in der Burg Lahneck am Rhein die Kurfürsten von Mainz, Trier und Köln mit dem Pfalzgrafen bei Rhein, Ruprecht von Wittelsbach. Sie erklärten Wenzel zu einem „unnüczen, versümelichen, unachtbaren entgleder (= Entgliederer, den Zerfall herbeiführender) und unwirdigen hanthaber des heiligen Römischen richs“, setzten ihn ab und statt seiner den Pfalzgrafen bei Rhein, Ruprecht von der Pfalz, zum neuen König ein. Wenzel erkannte diesen Akt zwar nicht an, er rief seinen Bruder Sigismund zu Hilfe, der inzwischen König von Ungarn war: Dieser sollte die faktische Macht in Böhmen übernehmen und dort Wenzels Nachfolger werden, im Gegenzug aber Wenzel zur Rückgewinnung der Reichskrone verhelfen. Aber Sigismund verwirklichte nur den ersten Teil der Abmachungen, ignorierte aber den zweiten. So kam es erneut zu Streit. Wenzel wurde wieder für kurze Zeit interniert. Im Mai 1410 starb Ruprecht von der Pfalz.

Bei der nun folgenden Königswahl kandidierten Jobst und Sigismund, Wenzels Bruder und sein Cousin, gegeneinander. Die Folge war ein Dreifachkönigtum, das sich aber schon im Januar 1410 mit dem Tode Jobsts auflöste. So gab es im Gründungsjahr Radebergs zwei Römische Könige: Wenzel, den König von Böhmen, der seinen Anspruch, auch König des Heiligen Römischen Reichs zu sein, formal nicht aufgegeben hatte, und seinen Bruder Sigismund, den König von Ungarn, dessen Nachwahl 1411 zum deutschen König dann auch eindeutig für ihn ausgefallen war.

Sigismund ist als einer der tatkräftigsten Kaiser in die Geschichte eingegangen und hat in unserer Region bis heute erkennbare Spuren hinterlassen: Er belehnte das Haus Hohenzollern mit der Mark Brandenburg und das Haus Wettin mit dem Kurfürstentum Sachsen. Seitdem, seit 1423, nennt man die Markgrafschaft Meißen, unsere Region, nach dem höherwertigen königlichen Lehen jetzt „Sachsen“.

 

Schaut man sich den Dresdner Fürstenzug an der Stallhofwand an, so stellt man fest, dass er für die Zeit um das Jahr 1412 nicht nur mehr verschweigt als aussagt, sondern den Betrachter geradezu in die Irre führt: Die Jahre 1381-1428 überspannt das Pferd Friedrichs des Streitbaren. Friedrichs Gesichtszüge sind seinem Grabmahl im Dom zu Meißen entlehnt, Kurhut und Kurschwert zeigen seinen Rang. Allerdings spiegelt diese Pose nur die letzten drei der 47 Jahre wieder, die der Fürstenzug ausschließlich und damit fälschlicherweise ihm widmet. In der Tat lagen die Dinge komplizierter.

Friedrich der Strenge war, wie im Fürstenzug dargestellt, 1381 gestorben. Seine Erben waren seine beiden Brüder und seine drei minderjährigen Söhne, die unter der Vormundschaft ihrer Mutter standen. In der Chemnitzer Teilung von 1382 wurde dies versucht: Wilhelm bekam die Mark Meißen, Balthasar den größten Teil Thüringens und die Kinder Friedrichs des Strengen gemeinschaftlich das Osterland, das Saaletal und das Pleißenland. König Wenzel ließ allerdings keine Landesteilung zu, sondern nahm eine Gesamtbelehnung vor: Alle fünf Erbberechtigten erhielten gemeinsam das ungeteilte Land.

 

Für unsere Region ist zunächst Wilhelm von Meißen von Bedeutung. Er hatte sich eng mit dem Luxemburger Haus verbunden, indem er Jobsts Schwester geheiratet hatte. Als Wenzel von den Kurfürsten gestürzt wurde, ging Wilhelm sofort auf die Seite des Gegenkönigs Ruprecht von der Pfalz über.

Das Machtvakuum, das sich durch die Unfähigkeit Wenzels auftat, nutzte er entschlossen aus. Einen geringfügigen Anlass nahm er zum Grund, um die zwischen seinem Territorium und Böhmen sitzenden Grafen von Dohna zu vertreiben. Mit dem Erwerb von Riesenburg, Leitmeritz, Brüx und des Klosters Ossegg überwand er den Erzgebirgskamm. Alle seine Besitzungen suchte er sofort zu sichern und ihre wirtschaftliche Prosperität zu fördern. Der direkte Vorläufer des Stadrechts für Radeberg war – in dieser Schwächephase des böhmischen Königtums – im Jahr 1404 das von Wilhelm verliehene Weichbildrecht für Altendresden, die heutige Dresdner Neustadt.

Markgraf Wilhelm der Einäugige starb kinderlos 1407. Er hatte den Ausbau des Doms zu Meißen als Bauherr kräftig vorangetrieben und erhielt nun als erster Wettiner dort im Ostchor eine Grabstätte, womit eine Tradition begründet wurde, der bis zur Reformation alle Wettiner folgten. Seine Grabplatte wies früher Messingeinlagen auf, die (vermutlich im Dreißigjährigen Krieg) gestohlen wurden, so dass heute dort nur noch deren Umrisse zu erkennen sind. Glücklicherweise existiert aber von der Grabplatte ein Kupferstich aus dem Jahr 1630, der insbesondere auch Wilhelms Augenverletzung abbildet.

 

Das Erbe, das dieser Fürst hinterließ, war die Mark Meißen. Diese musste nun aufgeteilt werden: Unter die inzwischen mündig gewordenen Söhne Friedrichs des Strengen (von denen noch zwei lebten) und Friedrich den Friedfertigen, den inzwischen amtierenden Nachfolger Balthasars und wirklichen Landgrafen von Thüringen (den bloßen Titel führten seine Cousins auch). Die Verhandlungen kamen zunächst zu keinem Ergebnis. Erst 1410 war eine Lösung gefunden. Hierbei erhielt ausgerechnet der Thüringer Landgraf die östlicheren Teile der Markgrafschaft Meißen und die pleißenländischen Brüder die westlicheren. So kam es, dass Radeberg nicht das Siegel des im Fürstenzug für diese Zeit abgebildeten späteren Kurfürsten Friedrich erhielt, sondern das des im fernen Thüringen residierenden Landgrafen Friedrich. Die Erteilung des Stadtrechtes für Radeberg war ein Schritt, mit dem er seinen Besitz zu konsolidieren und dessen Entfremdung zu vermeiden suchte.

 

Die Bürger von Radeberg hatten noch einige Zeit das Glück, sich des Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs zu freuen, der ihnen durch das Stadtrecht zuteil wurde.

 

Bald sollte sich das ändern. Die Prager Universität erwies sich nämlich nicht mehr nur als Stätte ruhiger Gelehrsamkeit, sondern immer mehr auch als Kampfplatz der Auseinandersetzung mit den Lehren der desavouierten katholischen Kirche.

 

Aus der Universität Prag hatte 1396 ein Student aus Husinec bei Budweis den Grad eines Magister Artium erlangt. Er machte sich mit den Schriften Wiclifs gegen die Papstkirche vertraut und wurde zu dessen entschiedenen Parteigänger in Prag. Dieser Johann aus Husinec, tschechisch kurz Jan Hus, studierte nun noch Theologie, wurde Professor und schließlich Rektor der Prager Universität. Unter seinem Einfluss vollzog sich der Kirchenkampf in der Universität und entzweite die Universitätsnationen. Der Begriff Nation meinte nämlich zu dieser Zeit noch kein Volk, wie es seit dem 19. Jahrhundert verstanden wird. Die Nation ist ein Rechtsbegriff aus den alten europäischen Universitätsverfassungen, (z.B. der Sorbonne). Die Prager Universität kannte vier Nationen: Die tschechische, die bayerische, die sächsische und die polnische. Die tschechische Nation erstritt sich eine vollständige Dominanz über alle anderen. Als den anderen Nationen im sogenannten Kuttenberger Dekret des Königs Wenzel von 1409 das vormals ausgeübte gleiche Stimmrecht entzogen wurde (die tschechische Nation erhielt von nun an drei Stimmen, die anderen drei Nationen zusammen eine Stimme), wanderten die sächsischen Studenten und Professoren aus und gründeten die Universität Leipzig.

In den Jahren darauf eskalierte die Lage in Prag und in ganz Böhmen. Zunächst berief König Sigismund ein Konzil nach Konstanz ein, um die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Gegen die Zusicherung freien Geleites erschien auch Jan Hus in Konstanz. Nachdem er seine Lehren vorgetragen hatte, wurde er verurteilt und am 6. Juli 1415 auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Damit war das Fanal zum Aufstand in Böhmen gegeben. Die Wirren gipfelten im bis dahin blutigsten und grausamsten Krieg, den unserer Region sah. Der Hussitenkrieg verwüstete zunächst Böhmen und griff von 1424 auf die Nachbargebiete über. Er wütete dort zehn Jahre lang. Dieser Krieg war der erste mit schießpulverbetriebenen Kanonen ausgetragene. Die hierfür nicht ausgelegten Stadtbefestigungen brachen unter den steinernen Kugeln zusammen. Die hussitischen Krieger verstanden sich als Vorboten des jüngsten Tages, und töteten alles, was Ihnen in den Weg kam. Der Krieg verschonte, wenn wir recht unterrichtet sind, wahrscheinlich die Stadt Radeberg. Aber er brachte Not und Zerstörung über unsere gesamte Region wie vorher kein Krieg. Seine Folgen waren noch lange nach seinem Ende zu spüren, zumal kurze Zeit danach auch noch der sächsische Bruderkrieg zwischen den Söhnen Friedrich des Streitbaren ausbrach und wieder durch die Beteiligung der kriegserfahrenen böhmischen Truppen entschieden wurde.

Nach diesen Kriegen taten sich dann aber die Türen in die Zukunft weit auf: Buchdruck und Seefahrt brachten die Welt in Bewegung. Aber die härtesten Auseinandersetzungen blieben bis auf Weiteres die religiösen. Krieg im Namen Gottes. Wenn ich nicht irre, gilt das bis heute.

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