Beitrag in der Aufsatzsammlung "Zäsuren und Kontinuität im Schatten Napoleons"

I.1.6. Arnold Vaatz

(Staatsminister a. D. und Bundestagsabgeordneter)

 

Völker hasten von Zäsur zu Zäsur – dazwischen ist das Leben eher gleichförmig. Aber an den Zäsuren hakt sich die Erinnerung fest, und die Summe der Erinnerung ist die Erfahrung, die eine Gesellschaft abruft, wenn sie die Gegenwart bewertet. Napoleon war eine solche Zäsur für Sachsen. Es war eine Fremdherrschaft – sicher. Aber sie brachte einen Hauch von Aufbruch mit. Die Beweglichkeit und Phantasie der Zukunft gegen die erstarrte Vergangenheit, der natürliche Haarschopf gegen die gepuderte Perücke – das war nicht nur das Szenario von Jena und Auerstedt. Ganz Deutschland stand in seinem Bann. Die Höfe verkamen zu Statisten der Geschichte, ihre Zeit schien vorbei.

Niemand jonglierte so lustvoll und souverän mit Zuckerbrot und Peitsche wie Napoleon. Er kolonisierte Sachsen – und erhob es zugleich zum Königreich. Er marginalisierte das Herrscherhaus und packte es bei seiner Eitelkeit. Der höchste jemals vom Haus Wettin erträumte Titel – König von Sachsen – ging einher mit dem gravierendsten Machtverlust seit dem siebenjährigen krieg. Es ist unbestritten, dass Friedrich August dem Charme und der Chuzpe Napoleons verfiel. So virtuos Napoleon die hohl gewordene Macht der Anciens Régimes in Europa in den Orkus zu schicken schien, so ahnungslos tappte er in die Falle von Geographie und Mentalität des von ihm nie verstandenen Russland. 

 

 Treue und Loyalität mögen unverzichtbar sein im Zusammenleben von Menschen. Als politische Kategorie sind sie untauglich und manchmal gefährlich. Sie können den Interessen des eigenen Volkes schaden und es ins Unglück stürzen. Aber es war ja auch keine simple Treue, die König Friedrich August von Sachsen Napoleon hielt: Er rang sehr wohl mit sich, und hätte wohl gern die Fronten gewechselt. Aber Napoleon stand mit seinen Truppen in Sachsen. Ihn zu verlassen hätte den Tod unzähliger Sachsen bedeutet. Dennoch hat sich das Bild gehalten: Von einem Volk, das Kriege stets verliert und einen König, der bis zur letzten Sekunde auf der falschen Seite eines geschlagenen Despoten verharrte. In Gefangenschaft geraten, zwei Drittel seines Territoriums und die Hälfte seiner Untertanen an Preußen und die thüringischen Fürsten verloren – grauenvoller lässt sich die Bilanz dieses Königs nicht denken.

  

Und was geschah? Köpfte man ihn in Sachsen dafür? Nein: Als er aus der Gefangenschaft nach Dresden zurückkam, bereitetem ihm Zehntausende auf den Straßen einen triumphalen Empfang. die weiß-grünen Regimentsfarben, die man an diesem Tag schwenkte, der sächsischen Einheiten im napoleonischen Krieg wurden zu den Farben des Landes und sind es noch heute. Napoleon war Vergangenheit. Aber Sachsen war nicht in Preußen und Österreich aufgegangen, es hatte überlebt.

  

Von Napoleon blieben viele Erinnerungen. 1813 war er in Dresden zu Gast in einer Schankstube am Elbhang, dem Reißigschen Wirtshaus in der Nähe des Waldschlößchens. Tage darauf nahmen die russischen Truppen die Lokalität in Beschlag und nannten sie “Wodka Chalupka“ woraus der Name “Saloppe“ wurde, der heute noch gilt. In Sachsen hielten französische Worte Einzug: Das “Schäslong“ und – wenn eine Angelegenheit nicht so recht vorangeht – die “Märde“.

 

 Die folgende sächsische Geistesgeschichte aber prägten Napoleon und Anti-Napoleon in Einem. Dresden und Leipzig dürften die beiden deutschen Städte gewesen sein, die Napoleon mit und ohne eigenes Wollen am tiefsten verändert hat. Mochte der Hof auch in die alte aristokratische Starre zurückfallen, die man aus vornapoleonischer Zeit kannte: Im Geistesleben von Dresden war der Geist der Anciens Regimes des alten Europa Vergangenheit. Die gepuderten Perücken, solange sie der König auch noch tragen mochte, waren weggeworfen, und die Suche nach Neuem durchfieberte die Salons.

 

 Die wirkliche Bresche für das Neue hatte niemand anders als Napoleon geschlagen. Die sie nutzten, waren ihm herzlich abgeneigt. Sie hatten den kurzen Rausch der abgeschüttelten Fremdherrschaft Napoleons erlebt. Die Assoziation von Not, Einquartierungen und Leid verbanden sich mit Napoleons Namen. Rayski, dessen Vater 1812 auf Napoleons Russlandzug umkam, malte das Leid, das Napoleon über Menschen und Kreatur gebracht hatte, in Öl und gab ihm den Titel “Grenadiere im Schnee“. Wie ein Magnet – und schon zu Napoleons Zeiten – zog die Dresdner Kunstszene die romantischen Maler Deutschlands und Europas an. Der Greifswalder Caspar David Friedrich, der im norwegischen Bergen geborene Johan Christian Clausen Dahl, der Wolgaster Philipp Otto Runge – und eben die Sachsen Carl Gustav Carus, Ferdinand von Rayski, Adrian Ludwig Richter prägten das nachnapoleonische Dresden. so sehr sich die kalte Energie Metternichs mühte, zur Tagesordnung des alten Europa zurückzukehren, so energisch wuchs dieser Bemühung gerade in Dresden der Geist einer selbstbewußten Bürgerlichkeit entgegen.

 

Wie seinen Herrschern der Königstitel, so blieb den sächsischen Untertanen als unfreiwilliges Vermächtnis Napoleons der stets wache Blick nach Frankreich. Die Pariser Julirevolution von 1830 pflanzte sich in ein einziges deutsche Land fort: Nach Sachsen. Leipzig rebellierte gegen die Politik des Königshauses und erreichte eine liberale Verfassungsreform, einen Schritt hin zur konstitutionellen Monarchie. Damit allerdings war der Atem der napoleonischen Zeit in Sachsen allmählich zuende. Die beginnende Industrialisierung schlug ein neues Kapitel der sächsischen Geschichte auf.

 

Als am 18. Oktober 1913 das Leipziger Völkerschlachtdenkmal eingeweiht wurde, war das entwaffnende Nebeneinander von Befreiung und Unterwerfung, das sich mit dem Namen Napoleons einst verband, längst vergessen. Der Napoleon der Völkerschlacht und der Napoleon von Sedan verschwammen ineinander. Das Völkerschlachtdenkmal verdrängte die Vielgesichtigkeit der napoleonischen Ära und blähte sich fortan im Geist von 1871.  

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