Artikel in der Zeitung "Die Dresdner Union" - Dezember/Januar 2004

Teil 1: Der schwere Gang zur Bautzener Straße


Am 5. Dezember jährt sich zum 15. Mal das – nach der unblutig bestandenen Konfrontation zwischen Demonstranten und Sicherheitsapparat der DDR auf der Prager Straße am 8. Oktober – wohl gefährlichste und zugleich befreiendste Ereignis des Herbstes 1989 in derStadt Dresden: Die Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung durch Demonstranten auf der Bautzener Straße. Jeder Beteiligte wird diesen Tag sein Leben lang in Erinnerung behalten.

Bis zu diesem denkwürdigen Tag war bereits einiges in Dresden geschehen, das wohl jedem, der die letzten Jahrzehnte hier gelebt hat, schier die Sprache verschlagen haben dürfte: Der Begegnung Zügen voller nach Westdeutschland Ausreisender DDR-Bürger aus der Prager Botschaft mit tausenden Ausreisewilligen an den Bahnsteigen des Dresdner Hauptbahnhofes, die nachfolgenden Demonstrationen auf der Prager Straße, die unblutige Wendung vom 8. Oktober, die spontan entstandene Gruppe der 20, die überquellenden Kirchen und die immer direkteren Forderungen nach Freiheit und Demokratie. Am 9. November hatte sich in Berlin gar die Mauer aufgetan. Die sowjetische Armee, die Ostdeutschland damals mit einer halben Million Soldaten besetzt hielt, und außer im Falle von Polen bisher jeden Reformversuch innerhalb des kommunistischen Imperiums mit Waffengewalt niedergeschlagen hatte, verhielt sich still. Gorbatschows Signale hatten die Hoffnung gestärkt, dass dies so bleiben könnte.

 

Daß aber damit schon der Weg in eine demokratische Zukunft frei wäre schien vielen der damals Beteiligten ein zu schöner Traum um wahr zu sein. Noch immer hatte die Staatsmacht jede Möglichkeit, erbarmungslos zurückzuschlagen und mit Gewalt die alten Verhältnisse wieder herzustellen, wie sie das bei parallelen Ereignissen irgendwo im sowjetischen Imperium bisher immer getan hatte. Wo also war jener Punkt, an dem die Rückkehr zu Diktatur und Unfreiheit so unwahrscheinlich war, dass man hätte aufatmen können?

 

Erst, wenn der herrschenden SED ihre wichtigsten Machtinstrumente aus der Handgenommen wären. Deren gab es viele: Polizei, Kampfgruppe, Armee. Aber alle diese Formationen zitterten wiederum vor einer allgegenwärtigen, unsichtbaren Kraft mit scheinbar grenzenlosen Befugnissen: Der Stasi. Die Stasi schien alle anderen Machtorgane auszufüllen wie eine Hand den Handschuh.

 

Wenn allmontägig der kilometerlange Demonstrationszug aus der Stadtmitte kommend von der Bautzener Straße nach rechts in Richtung Carolabrücke abbog, waren denn auch immer einige, die ausscheren wollten: Geradeaus weiter, Richtung Stasi-Gebäudekomplex zwischen Waldschlösschen- und Fischhausstraße. Bei den samstäglichen Vorbereitungsgesprächen im Kulturpalast gab es daher stets die Sorge, die Dinge könnten an diesem Punkt aus dem Ruder laufen und in einem Blutbad münden. Andererseits war klar: So lange diese „Firma“ weiter arbeitet, kann man – Demos hin, Demos her - von einem Ende der SED-Diktatur keine Rede sein.

 

In der letzten Novemberwoche kam nun plötzlich Bewegung in diese Frage. Die Presse zitierte Stasimitarbeiter mit der Aussage, man vernichte dort im großen Stil Aktenbestände. Die Öffentlichkeit deutete diesen Akt der Beweismittelvernichtung als Zeichen für ein bereits fortgeschrittenes Stadium von Selbstaufgabe. Am Montag, dem 4. Dezember geschah nun bisher nie da Gewesenes: Auf der Kundgebung nach Montagsdemonstration, zu der 50 bis 100tausend Teilnehmer gekommen waren, betrat der Dresdener Stasi-Bezirkschef Horst Böhm, den bis dahin nur die wenigsten auch nur dem Namen nach kannten, bestimmt aber nie zu Gesicht bekommen hatten, die Tribüne. In schwerem südwestsächsischem Dialekt suchte er die bisherigen Aktenvernichtungen als Routinebereinigungen zu bagatellisieren und versprach, ab sofort die öffentliche Kritik zu respektieren und auch diese Routinetätigkeit zu unterbinden. Seine Worte stießen auf wütende Pfeifkonzerte.

 

Am gleichen Tag reagierte der Runde Tisch auf die sich zuspitzende Empörung gegen die Stasi: Er erwirkte eine Anordnung der Regierung an die Polizei, weitere Aktenvernichtungen durch die Stasi zu unterbinden. Dieter Reinfried, Sprecher des Neuen Forums in Dresden und Verbindungsmann zum Neuen Forum Berlin, erhielt diese Nachricht als erster und vereinbarte sofort für den 5. Dezember einen Termin beim Chef der Bezirksverwaltung der Volkspolizei, General Nyffenegger.

 

Gegen 9.00 Uhr trafen vor dem heutigen sächsischen Finanz- und Kultusministerium, das damals – seit 1945 ohne Dachstuhl – als Polizeigebäude diente. Nyffenegger empfing uns im Kreise seiner Stellvertreter Krumbiegel und Grellert und deren Stäben. Neben Reinfried, dem späteren Cossebauder Bürgermeister Decker, mir und einem weiteren Mitglied des Neuen Forums war auch Johannes Pohl vom Demokratischen Aufbruch zugegen. Nyffenegger und seine Leute versuchten uns zunächst mit allgemeinen Willenserklärungen und für uns nicht abrechenbaren Absichtserklärungen abzuspeisen. Dieter Reinfried erklärte alle diese Überlegungen für völlig inakzeptabel, so lange die oppositionellen Bürgervertreter nicht selbst in die Sicherungsmaßnahmen für die Stasiakten einbezogen seien. Ich hatte am Tag zuvor das Strafgesetzbuch der DDR durchforstet und war auf einem Paragraphen gestoßen, der Sabotage ahndete und auch den Tatbestand der „Vernichtung von Unterlagen“ unter den Sabotagebegriff subsummierte. Als Nyffenegger darauf hinwies, dass die Polizei nur auf Anweisung der Staatsanwaltschaft gegen die Stasi aktiv werden könne und diese wiederum nur dann einen Polizeieinsatz anordne, wenn eine konkrete strafrechtlich relevante Anzeige vorliege, erstattete ich formlos und mündlich Anzeige gegen das Ministerium für Staatssicherheit wegen Sabotage und begründete dies nach Strafgesetzbuch der DDR. Dieter Reinfried forderte überdies die Anwesenheit von Bürgervertretern bei allen etwaigen staatsanwaltlichen Maßnehmen. Nyfenegger nahm die Anzeige entgegen, erklärte, dass die vielen hierfür erforderlichen Staatsanwälte wohl erst bis Nachmittag aufzutreiben seien und beendete das Gespräch.

 

Sofort nahmen wir Verbindung zu Herbert Wagner auf. Ich übernahm es, ihm mitzuteilen, was bevorstünde und hoffte auf seine Bereitschaft, im Namen der Gruppe der zwanzig mit mir eine Demonstration am Stasigebäude für Nachmittag 17.00 Uhr anzumelden. Wir trafen uns im Vorzimmer des Dresdner Polizeichefs Prietz. Wagner war überrascht kam aber nach kurzem Luftholen zu dem Schluß, dass dieser Schritt getan werden musste und dass ihn hinausschieben nicht viel ungefährlicher war, als ihn zu tun. So meldeten wir die Demonstration ordnungsgemäß an und besprachen mit Prietz die notwendigen Sicherheitsfragen, die unter dem Begriff „Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei“ schon mehrmals mit Erfolg gemeinsam gelöst worden waren.

 

Am Vorabend waren Handzettel auf der Montagsdemo verteilt worden, in der die Oppositionsgruppe „Wolfspelz“ damals wesentlich geprägt von Johanna und Roman Kalex – aufgerufen hatte, sich schon am Morgen jenes Dienstages - also um die Zeit unseres Nyffenegger-Termins – vor dem Stasigebäude einzufinden. Es war aber das permanente Anliegen der Demo-Vorbereitungsteams seit Wochen gewesen, Streiks oder streikähnliche Situationen keinesfalls zuzulassen. Zu leicht, so meinten wir, könnten dann bei der angespannten Versorgungslage Notsituationen beliebiger Art entstehen und Menschen zu Schaden kommen – was, abgesehen vom Schaden an sich – obendrein Argumente gegen die Opposition hätte liefern können. Deshalb bestanden wir stets darauf, dass die Demonstrationen Feierabenddemonstrationen bleiben. Das sollte – trotz heftiger Kritik von „Wolfspelz“ an unserem zögerlichen Vorgehen, bei dem man schon Kumpanei mit Polizei und Stasi witterte – auch für diesen Tag gelten. Außerdem wollten wir jeder Eskalation vorbeugen und unsere Absprachen mit der Polizei einhalten. Mit diesen Vorsätzen fuhren wir zu Dresden-Radio und riefen zu der eben angemeldeten Demo auf: Wir nannten den Zeitpunkt 17.00 und baten dringlich, das Stasi-Gelände nicht zu betreten, sondern Abstand zu wahren, um Eskalationen vorzubeugen.

 

Als ich meinen Arbeitsplatz gegen 12.00 Uhr wieder erreicht hatte, liefen in mehreren Büroräumen Kofferradios, die unseren Aufruf mehrmals wiederholten. Etwa 13.00 erhielt ich per Telefon die Nachricht, dass vor dem Einlaß der Stasibezirksverwaltung Polizei und Staatsanwälte eingetroffen seien, um die Akten zu sichern. Dass der Einsatz der Staatsanwälte auf 13.00 vorgezogen worden sei, konnte meiner Meinung nach nur geschehen sein, um den Vertretern der Oppositionsgruppen die Kontrolle der Aktion zu verwehren. Ich lief durch etliche Zimmer und bat Kollegen, mit mir gemeinsam zum Stasigebäude zu fahren; denn um die Aktionen der Staatsanwälte zu begleiten, waren bestimmt zwanzig bis dreißig Leute nötig. Diese würden aber eventuell nach unserem Aufruf erst 17.00 erscheinen.

 

Meine Sorge war unbegründet. An der Stasi-Mauer standen schon an die hundert Demonstranten. Einige Wolfspelz-Leute bemalten sie mit respektlosen Inschriften. Das große Schiebetor war verschlossen. Ich verabschiedete mich von meinen Kollegen, drängte mich zum Eingang. Dort stritt man lautstark untereinander. Roman Kalex verlangte, dass jeder Bürger Einlaß erhalten solle. Die Stasiposten verweigerten dies kategorisch. Gleichzeitig ging die Tür auf und ich sah einige von uns hindurchgehen. Ich drängte mich zwischen sie und war mit einem Mal auf jenem berüchtigten Gelände, das Normalsterbliche bisher bestenfalls als Gefangener von innen gesehen hatten. Die Dimension des Geländes kam mir von innen riesig vor. Ich sagte mir: Eine Seite wird dies nicht überleben; entweder die Stasi oder aber jeder einzelne, der dies gesehen hat.

 

Im Kinosaal der Stasi empfing uns der vom Vortag bekannte General Böhm. Offenbar meinte er, uns mit einigen allgemeinen Erklärungen zufrieden stellen und zum Abzug bewegen zu können. Aber damit fand sich keiner ab. Auch die Rollenverteilung zwischen Staatsanwälten und Stasichef funktionierte nicht. Die Staatsanwälte mochten es sich mit den Demonstranten nicht verderben und schlossen sich gequält und halbherzig deren Forderungen an: Unbeschränktes Zutrittsrecht zu erhalten, alle Räume zu inspizieren, Aktenbestände, Schränke und Schreibtische zu versiegeln, den Stasimitarbeitern bis auf weiteres Zugriff zu Unterlagen und Zutritt zu den Diensträumen zu verwehren. Schließlich wurden einige Gruppen gebildet, die in Begleitung von Stasi-Mitarbeitern als Ortskundigen das Gelände in Augenschein nahmen und die Aktenbestände sichern sollten.

 

Meine Gruppe bestand aus sechs Personen: Einen Stasioffizier, einem Staatsanwalt, einem Fotografen namens Skarbovskys, einem Mitglied der Gruppe Wolfspelz und einem weiteren Mann, den ich nie wieder gesehen habe. Wir betraten Büro für Büro, und versiegelten alle Stahlschränke und die Waffenkammern. Um Manipulationen zu erschweren versah ich jedes Siegel mit meinem Daumenabdruck, der wegen einer Warze schon aus einiger Entfernung ohne kriminaltechnische Ausrüstung leicht zu identifizieren war. Sodann befragten wir die Stasileute nach ihren Namen und ihren Funktionen, kontrollierten ihre Aktentaschen und schickten sie nach Hause. Fast alle ergaben sich widerstandslos drein. Einige wirkten sogar anbiedernd und mitteilsam. Als wir jedoch die Kaderabteilung betraten, in der die Personalakten geführt wurden, schien der dortige Chef, der sich als ein Herr Sparmann vorstellte, zum äußersten Widerstand entschlossen. Er erklärte, seine Genossen notfalls aufzufordern, die Personalunterlagen mit Gewalt zu verteidigen. Dies verfehlte seinen Eindruck auf uns nicht. Wir entschieden uns mehrheitlich nachzugeben. Allerdings ließ er sich auf mein Drängen wenigstens herbei, mich anhand einer von mir willkürlich ausgewählten Akte prüfen zu lassen, ob es sich tatsächlich um Personalakten der Stasimitarbeiter handelt oder nicht. Ebenso verweigerten uns der Chef der Krankenstation und die Gehaltsstelle Einsicht in ihre Aktenbestände. Bei allem war es ein Stück absurdes Theater, dass sich der Staatsanwalt mit den Stasi-Leuten ganz unverhohlen duzte.

 

Die Lage änderte sich um ca. 16.00. Wir ahnten nichts Schlimmes, als der uns begleitende Offizier zu mir sagte: Jetzt wird’s ernst. Er hob die Gardine und ich sah hunderte Menschen auf den Hof des Stasigeländes stürmen. Das große Schiebetor war geöffnet worden. Unter den Stasimitarbeitern entstand Bewegung. Wir bekamen Angst. Sie konnten die Waffenkammer öffnen. Ich bat ihn, mich nach unten zu begleiten, um ihm demonstrieren zu können, dass keiner der Bürger die Absicht habe, einem seiner Kollegen ein Haar zu krümmen. Von der Rampe vor der Küche aus hatte man einen Überblick auf den Hof. Er war voller Menschen. Ich traf Christof Ziemer und Herbert Wagner. Herbert versuchte mit einem Megaphon, das aber immer aussetzte, die Menschen zur Besonnenheit zu ermahnen. Für Gewaltbereitschaft gab es zwar trotz der aufgeheizten Atmosphäre keinerlei Anzeichen. Ich hatte auch volles Vertrauen in den absoluten Willen zur Gewaltlosigkeit jedes einzelnen Bürgers. Allerdings war nicht auszuschließen, daß sich Stasileute selbst unter die hereinströmenden Menschen
gewischt hatten, die durch gewaltsame Provokationen einen eventuell von der Stasi gewünschten Anlaß zum Einsatz von Waffengewalt liefern könnten. Daher musste ein sichtbares Zeichen der Friedfertigkeit her. Also entschloß ich mich ohne Mikrofon zu einer kurzen Ansprache. Ich musste schreien, um vernommen zu werden. Ich wies daraufhin, dass die Stasileute beunruhigt seien. Daß sich nach wie vor Mengen von Waffen im Haus befänden und unsere Leute in den Diensträumen im Falle einer Eskalation keine Chance hätten, zu entkommen. Ich beschwor jeden, auf sich selbst und den Nachbarn zu achten: Keine Gewalt. Man könne nicht ausschließen, dass eine Eskalation gewollt und geplant sei. Jeder, so sagte ich, der irgendwem auch nur ein Haar krümmt ist ein Stasimann! Und dann bat ich alle, als Zeichen des Guten Willens für eine Viertelstunde den Hof zu verlassen. In der Tat war nach einigen Minuten der Hof geleert und ich konnte wieder nach oben gehen und erklären, dass
die absolute Friedfertigkeit der Bürger auf dem Hof nachgewiesen sei. Dabei schlotterten mir die Knie.

 

Herbert Wagner hatte mich gebeten, die Versiegelungsaktion, die schon drei Stunden in Anspruch genommen habe, nun den anderen zu überlassen, es sei notwendiger im Hof und auf dem übrigen Gelände nach dem Rechten zu sehen. So kämpfte ich mich im Gegenstrom zu hunderten von Menschen, die mir auf der Treppe entgegenkamen wieder nach unten und kam betrat gerade den Saal, als der Stasichef Böhm sein Jackett auszog um zu demonstrieren, dass er unbewaffnet sei. Die Atmosphäre war aufs höchste gereizt. Böhm wurde beschimpft und bespuckt. Wir suchten ihm dann einen Weg nach draußen zu bahnen, Ziemer sprach beruhigend auf ihn ein, wir nahmen ihn in die Mitte, man ließ eine Gasse für uns frei und Böhm gelangte aus der Gefahrenzone.

 

An dieser Stelle war es unmöglich geworden Übersicht zu bewahren. Christof Ziemer sagte immer wieder – mehr zu sich selbst als zu anderen: Das sei ja ungeheuerlich. So ein riesiges, Gelände. Eine halbe Stadt. Immer wieder entstand Aufregung. Die Menschen drängten in die Untersuchungshaftanstalt, eine mehrstöckige Gitterkonstruktion, die heute zu besichtigen ist. Man veranlasste die Stasimitarbeiter, die Zellentüren zu öffnen. Die Gefangenen lagen in blauen Trainingsanzügen auf ihren Betten. Sie hätten ohne daran gehindert zu werden als freie Menschen die Anstalt verlassen können. Aber sie waren von Informationen von außen abgeschottet, trauten dem Frieden vielleicht nicht und wollten ihre Lage nicht verschlimmern: Jedenfalls bleiben sie wortkarg und bestanden darauf, eingesperrt zu bleiben.

 

Die abenteuerlichsten Vermutungen kursierten: Einige behaupteten, es gäbe unterirdische Gänge an weitere Gefängnisetagen in ominösen Kellern – alles Schreckensphantasien, die sich in der öffentlichen Meinung aufgebauscht hatten und einer realen Grundlage entbehrten. Schließlich ging es zum Aktenarchiv selbst. Das Archivgebäude blieb verschlossen. Ich erfuhr an diesem Tag nur, wo es steht.

 

Spät am Abend leerte sich das Gelände nach und nach. Der Bezirksstaatsanwalt Lindner war eingetroffen. Wir hatten die Absicht, nun alle Stasi-Beschäftigten zum Verlassen des Geländes aufzufordern und danach alle Eingänge zu verschließen und gemeinsam mit der Polizei einen Wachdienst zu organisieren. Lindner stimmte diesem Verfahren zu. Der Stasichef Böhm war in Begleitung eines Staatsanwaltes in seine Wohnung gefahren worden. Wir gingen noch einmal durch alle Büros und forderten noch verbliebenen Mitarbeiter auf, das Gebäude zu verlassen. Mitglieder der Bürgerbewegungen kontrollierten Stichprobenweise, ob versucht wird, Dokumente oder Waffen aus dem Gelände zu bringen. Dann wurden die Stasi-Leute mit Bussen aus dem Gelände gefahren.

 

Am 6. November etwa um 8.00 Uhr trat schließlich Ruhe ein. Ausgelaugt ließ ich mich in einen der Sessel im leeren Vorzimmer des Stasichefs fallen. Da kam Wolfgang Jacobi aus Radebeul, ein guter, alter Freund, freudestrahlend zur Tür herein, drückte mir eine Thermosflasche mit heißen Tee und eine Brotbüchse mit Schnitte in die Hand und ich schämte mich, weil mir die Tränen kamen. Ich fuhr nach Hause, schlief drei Stunden und traf gegen Mittag wieder in der Bautzner Straße ein. Inzwischen war eine Regierungskommission – bestehend drei Herren, die sich mit den Namen Stein, Hillenhagen und Schlegel vorstellte. Stein gab an, Angestellter eines zivilen Ministeriums zu sein. Schlegel war Polizist aus dem Innenministerium und Hillenhagen aus dem umgenannten Ministerium für Staatssicherheit. Mit ihnen verhandelten als Verteter der Bürgerbewegung in wechselnder Besetzung Pfarrer Roland Adolph, Oberlandekirchenrat Johannes Rau, Die Superintendenten Christof Ziemer und Jürgen Bergmann, Steffen Heitmann, Dieter Reinfried, Rolf Klinkert, Jörg Naumann, Frau Rottig, Frau Rau und ich in den nächsten Tagen und Wochen über das weitere Verfahren.

 

Ähnliches wie in Dresden war etwa um die gleiche Zeit in Leipzig, Erfurt, Suhl und anderen Bezirksstädten abgelaufen. Bereits am Morgen des 7. Dezember bat mich eine Journalistin der Los Angeles Times, Tamara Jones, um ein Gespräch. Rolf Schwanitz, der Nachfolger von Stasiminister Mielke hatte zu den Ereignissen eine Pressekonferenz gegeben und gesagt, dass in Cottbus und Dresden durch gewaltsame Attacken der Bürger zahlreiche Verletzte gegeben habe. Sie bäte mich, Ihr dabei zu helfen, diese Verletzten im Krankenhaus zu besuchen. Ich fragte darauf Hillenhagen, ob er diese Darstellung seines Ministers bestätigen könne, und uns die Möglichkeit zu einem Besuch bei den Verletzten zu geben. Hillenhagen musste einräumen, dass die Darstellungen seines Ministers jedenfalls für Dresden jeglicher Grundlage entbehrten. Dieses Vorkommnis macht nachdenklich. Dennoch meine ich nicht, dass die Besetzungen der Stasi-Bezirksverwaltungen von der Stasi selbst inszeniert worden sind. Es ist aber wohl nicht auszuschließen, dass es Kräfte gegeben haben mag, denen Eskalationen willkommen gewesen wären, die Angst und Schrecken verbreitet und den Bürgerbewegung Kraft und Sympathien gekostet hätten.

Mein Erlebnisbericht ist kann nichts anderes sein als meine subjektive Erinnerung, die im Einzelfall auch voller Irrtümer sein kann. Jeder Beteiligte könnte eine eigene Geschichte dieses Tages schreiben, meine Darstellungen ergänzen und korrigieren. Daher bitte ich, keinen und keine derer, die ich unerwähnt gelassen habe, darin einen bösen Willen zu erkennen. Jeder Beteiligte an diesem Geschehen hat an sein eigenes Stück zur Freiheit für uns und unsere Kinder beigetragen und damit etwas geleistet, was Generationen von Menschen in Deutschland gern getan hätten, wenn es ihnen die Geschichte gestattet hätte.

 

Als die Arme und Beine vom Ungetüm Stasi amputiert waren, hatte der Kopf in der Berliner Normannenstraße kein langes Leben mehr. Trotzdem bleibt eine Frage: Warum hat der gewaltige Machtapparat der SED, der vierzig Jahre lang jeden Gedanken an eine Rückkehr der Demokratie in Ostdeutschland mit Gewalt und Einschüchterung zu ersticken vermochte, so ohne Gegenwehr sein eigenes Ende hingenommen, warum ist er widerspruchslos in seinen Sarg gekrochen, ohne einen einzigen Schuß abzugeben?

 

Ich meine deshalb: Weil der niedere, mittlere und höhere Funktionärsapparat dieses Landes, in den achtziger Jahren an die eigenen Phrasen nicht mehr geglaubt hatte. Die Bundesregierung hatte es nicht mehr dabei bewenden lassen, deutsch-deutsche Annäherung als Gespräche zwischen den Spitzen der Apparate zu interpretieren. Seit 1982 hat die Bundesregierung nicht nachgelassen, auch Begegnungen der Menschen zu fordern und unter Nutzung der Devisennot der DDR zu erzwingen. Die unzähligen Verwandtenbesuche und Dienstreisen von Reisekadern haben nach und nach auch den strammsten Kommunisten resignieren lassen in Bezug auf die Leistungsfähigkeit des Sozialismus. Das Siechtum im eigenen Land wurde ihnen zu einer Last. Daher regte sich keine Hand mehr, die Zustände zu verteidigen, die dieses Dilemma verursacht hatten.

 

Die Kehrseite ist: Nicht die Stasi-Stürmer von 1989 sind – um es hochtrabend auszudrücken – die Sieger der Geschichte. Sie haben die alten DDR Eliten lediglich von deren schmerzendem Korsett befreit, zu dem SED und Politbüro geworden waren. In den folgenden Jahren erstritten diese Eliten sich unter professioneller Nutzung der Instrumente des Rechtsstaates Stück für Stück die Fortschreibung alter, zu DDR-Zeiten entstandener Privilegien. Die von der SED-Ideologie aufgerichteten Denkstrukturen ließen sich als Aversionen gegen die neuen politischen Bedingungen leicht reaktivieren: Unter dem Eindruck der lawinenartig über Ostdeutschland hinwegrollenden Veränderungen in allen Lebensbereichen wie der neuen Eigenverantwortung für alle Lebensbereiche, der grassierenden Arbeitslosigkeit, der bitteren Strafe für persönliche wirtschaftliche Fehlentscheidungen. So war binnen kurzem den Protagonisten des Widerstandes gegen die DDR-Repression die Deutungshoheit entzogen. Der brutalen DDR-Wirklichkeit folgte deren romantische Verklärung. Die alten DDR-Eliten konnten nun ihre mit welchem Recht auch immer, jedenfalls aber gegen den Geist des nun geltenden Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR entstandenen Besitzstände frei entfalten, stützten und förderten sich gegenseitig, unterbanden erfolgreich jede wirkliche Debatte über ihre eigene Rolle in der DDR-Diktatur, verbündeten sich mit Eliten aus aller Welt und taten alles, um die tapferen Menschen von 1989 zu marginalisieren und vergessen zu machen. Bis auf wenige Ausnahmen sind denn auch die wichtigsten Akteure des Herbstes 1989 heute, nach 15 Jahren, aus dem politischen Tagesgeschehen des wiedervereinigten Deutschland verschwunden.

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