offener Brief an die Unterzeichner des Aufrufes zur Demonstration: "Welterbe erhalten: Jetzt!"

An die Unterzeichner

des Aufrufes zur Demonstration

 

Welterbe erhalten: Jetzt!

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Sie haben für den Sonntag, den 25. März zu einer Demonstration aufgerufen, mittels welcher Sie die Stadt Dresden offen zum Rechtsbruch aufrufen wollen.

 

Die moralische Legitimation für dieses Vorgehen liefert Ihnen Ihr subjektives Urteil über die ästhetische Wirkung der geplanten Waldschlösschenbrücke, welchem sich die UNESCO angeschlossen hat. Mit ihren Demonstrationen wollen Sie eine Kulisse der Einschüchterung schaffen und hoffen, die Stadt Dresden und den Freistaat Sachsen nötigen zu können, den Richterspruch aus Bautzen, den Sie nicht akzeptieren, zu ignorieren.

 

Dabei stört Sie offenbar das Ergebnis des Volksentscheides vom Februar 2005. Es zwingt Sie zu der verlogenen Behauptung, die Bürger hätten ja nicht wissen können, dass der Bau der Brücke den Weltkulturerbetitel berührt. In der an alle Haushalte verteilten Broschüre zur Abstimmung war jedoch dieses Argument unter der Überschrift „NEIN zur Waldschlösschenbrücke“ aufgeführt. Jeder Stimmberechtigte konnte es in seine Abwägung einbeziehen.

Geradezu politisch pervers erscheint mir Ihre Idee, mittels einer 1-Euro-Spendenaktion eine Analogie zu dem damals aus der Not geborenen Legitimationsweg der Gruppe der 20 schaffen zu wollen. Damit versteigen Sie sich dazu – unter dem Eindruck eines Ihnen unangenehmen letztinstanzlichen Urteils –, den Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2007 auf eine Ebene mit der Diktatur der SED bis 1989 zu stellen. Möglicherweise fällt Ihnen das deshalb so leicht, weil einige von Ihnen damals über das Privileg eines Reisepasses verfügten. Ihre Absicht ist es, der Bürgerentscheidsmehrheit vom Februar 2005 den Anspruch auf die Umsetzung ihres nach Recht und Gesetz festgestellten Willens zu verwehren. Es wird Ihnen nicht gelingen, Ihren beabsichtigten Anschlag auf die Demokratie durch den Missbrauch des historischen 1-Mark-Symbols der Gruppe der 20 einen ihm nicht zukommenden Anschein von Legitimität zu verleihen.

 

Die fundamentalistischen Kampfparolen, die von Einigen von Ihnen zu lesen waren, wonach die Brücke „die Seele der Stadt Dresden beschädige“ und „die einmalige Kulturlandschaft an der Elbe irreversibel zerstöre“ sind dumme Übertreibungen. Sie werden sich nach dem Bau der Brücke genau so weltfremd anhören, wie aus heutiger Sicht die Argumente der damaligen Gegner des Blauen Wunders. Es wird Ihnen nicht gelingen, diese Beurteilung zum verbindlichen Dogma für alle Dresdner zu erheben. Dagegen steht schon die aktenkundige Beurteilung der Jury des Architektenwettbewerbs.

 

Offenbar versuchen Sie aber auch im Namen Jener zu sprechen, die zwar die Brücke akzeptiert hätten – und so verstehe ich übrigens die in einem Interview („Mehrheiten können irren“) dargestellte Position von Professor Ludwig Güttler – weil Sie die oben genannten fundamentalistischen Argumente zwar nicht teilen, aber Schaden aus dem möglichen Entzug des Weltkulturerbetitels befürchten. Hier ist darauf hinzuweisen, daß die Entscheidung des UNESCO-Komitees auf dem Aachener Gutachten beruht. Dieses ist nicht nur durch die kritische Analyse von einigen Professoren der TU Dresden als grob fehlerhaft erkannt worden: Es gipfelt genau in der Tonlage jener oben exemplarisch genannten fundamentalistischen Verdikte. Wer diese Verdikte aber nicht teilt, jedoch in Sorge um das Weltkulturerbe ist, muß zu der Auffassung kommen, dass die Beurteilung des Falles durch die UNESCO fehlerhaft oder unangemessen war. Dann ist aber der Ort, wo ein Fehler zu korrigieren wäre doch Paris und nicht Dresden! Sie aber ziehen einen fehlerhaften UNESCOBeschluß als Argument heran, einen ordnungsgemäßen Volksentscheid zu ignorieren. Dies offenbart die Absurdität der Argumentation: „Ich habe zwar nichts gegen die Brücke, wenn aber – anders als ich – die UNESCO etwas gegen sie hat, dann darf sie nicht gebaut werden.“

 

Der größte Schimpf, den sich die Kulturstadt Dresden aber antun kann, ist der Rückfall in vordemokratische Verhaltensweisen; denn die Demokratie zählt wohl nach überwiegender Auffassung noch immer zu den bedeutendsten Kulturleistungen der Menschheit.

 

Ich lade Sie daher ein, den Pfad Ihrer narzisstischen Verstiegenheit endlich zu verlassen. Kommen Sie wieder herunter von den Bäumen, auf die Sie in Ihrer Eitelkeit, ihrem Unfehlbarkeitsdünkel und ihrer Anmaßung geklettert sind. Begeben Sie sich wieder in die Bahnen von Recht und Gesetz. Befreunden Sie sich wieder mit dem Gedanken, demokratische Mehrheitsentscheidung und unabhängige Gerichte zu respektieren. Falls es Ihnen dabei hilft, will ich Ihnen gerne versichern, dass die demokratische, aus dem Volksentscheid hervorgegangene Mehrheit sich um keinen Preis von Ihnen um die Einlösung ihres rechtmäßig erworbenen Anspruch auf den Bau der Brücke betrügen lassen wird.

 

Mit freundlichem Gruß

gez. Arnold Vaatz

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