Erklärung: Die totalitären Eliten

Das Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Bautzen zur Waldschlösschenbrücke hat hunderttausenden Dresdnern das Vertrauen in den Rechtsstaat zurückgegeben.

 

Es irrt aber vermutlich, wer glaubt, daß die unterlegene Minderheit der Brückengegner wenigstens jetzt die Kurve zurück in rechtsstaatliches Verhalten bekäme. Sie rufen nun als weitere Eskalationsstufe offen zum Rechtsbruch auf.

 

Friedrich Dieckmann titelt in der Sächsischen Zeitung am 15. März: „Die politische Kultur hat versagt“. Wer definiert eigentlich, was politische Kultur ist? Die Antwort ist einfach: Was politische Kultur ist, entscheidet in Dresden ein kleiner sich elitär dünkender Kreis von Personen. In den Zeitungen werden ihre Meinungen – gleichsam als das Evangelium selbst – wiedergegeben, kommentiert und ausgelegt, immer kritiklos, immer respektvoll. Gestern fielen die Namen Ingo Zimmermann, Friedrich Dieckmann, auch Wolfgang Thierse und Eva-Maria Stange dürfen nicht fehlen. Heute der Name Wolfgang Hädecke mit der Überschrift „Ein schwarzer Tag für Dresden“. Daß Friedrich Schorlemmer noch keine Resolution gegen die Brücke initiiert hat, verwundert ein wenig aber das kommt sicher noch. Diese aus der heutigen Zeitung und noch eine gewisse erlesene Anzahl weiterer elitärer Köpfe entscheiden bei uns, was politische Kultur ist. Ihre Claqueure wachen darüber, daß diese Definitionen unwidersprochen bleiben. Brückenbefürworter werden mit ein paar Leserbriefen abgedruckt, als Namensbeiträge haben Sie im Blatt nichts zu suchen, sagt sich die Redaktion.

Zurück zu unserer erlesenen Anzahl elitärer Köpfe: Was ist aus Sicht dieses Zirkels politische Kultur? Nun: Politische Kultur ist, wenn Entscheidungen der Politik ihrem Willen entsprechen und politische Unkultur ist, wenn politische Entscheidungen ihrem Willen nicht entsprechen. Der Politiker beweist Kultur, wenn er vor diesem Zirkel kapituliert – dann darf er sich „kompromissfähig“, „gesprächsfähig“, „versöhnend“, „integrierend“ und ähnlich nennen. Kapituliert er vor ihnen nicht, dann ist er „umstritten“, „borniert“, „polarisierend“ oder einfach „dumm“.

 

Wir haben es hier also mit unseren Definitionseliten zu tun. Nun definieren diese nicht etwa nur, was politische Kultur ist. Sie allein sind berechtigt, festzustellen, worin die Dresdner Seele besteht und wodurch sie bedroht ist; was schön ist und was hässlich; was schützenswert ist und was zerstörenswert; wessen Urteil über eine Angelegenheit ernst zu nehmen ist, gar maßgebend, und wessen Urteil zu ignorieren ist. Mehrheiten, sagte Ludwig Güttler, den ich – ich bekenne meinen Irrtum! – immer auf der Seite der Vernunft in dieser Stadt wähnte, können sich irren. Stimmt ja auch! Aber die Definitionselite irrt nicht. Sie allein hält die Stimmgabel in der Hand. Sie definiert den Kammerton der Gesellschaft. Sie hält sich für die Seele, Gehirn und Herz der Stadt und die anderen für dumm, dumpf und peinlich.

 

Es ist nicht der Streit um ein Bauwerk. Der ist richtig und notwendig. Es ist der totalitäre Alleinvertretungsanspruch dieser Menschen, der das Klima in unserer Stadt vergiftet. Ihr angemaßtes Recht auf letztinstanzliche Urteilskraft in subjektiven Fragen – z.B. der Frage, ob man die Waldschlösschenbrücke für ästhetisch akzeptabel hält oder nicht. Ihr angemaßtes Recht, allen anderen die eigene Sichtweise zu diktieren, alle andere zu nötigen, genau das nachzusprechen, was die Definitionselite ihnen vorgibt, es nachzusprechen bei Strafe der gesellschaftlichen Ächtung – dies ist wohl die neue Form der Inquisition, die sich eine Gesellschaft im säkularen Zeitalter selber schafft. Sie tritt all die modernen Tugenden, als deren Sachwalter und Hüter sie sich verstanden wissen will – Respekt vor der Überzeugung des anderen, Toleranz gegenüber dem abweichenden Geschmack und den abweichenden Vorlieben des Anderen – mit Füßen. Sie überzieht die Gesellschaft mit einem neuen totalitären Denken.

 

Hören die Menschen auf, sich feige unter dem Diktat ihres pathetisch erhobenen Zeigefingers zu krümmen, dann sucht sie sich in Panik Partner überall in der Welt. Die untere Definitionselite ruft die obere Definitionselite zu Hilfe. In diesem Fall die UNESCO.

 

Die UNESCO wäre eine für uns sehr wichtige Organisation, käme sie ihren Aufgaben nach. Aber unter ihrer Ägide verfallen weltweit in rasender Geschwindigkeit Denkmale von unschätzbarer Bedeutung. Sie kuscht vor jedem Diktator. Für die Rettung der Innenstadt von Havanna tut sie zum Beispiel gar nichts. Als Dresden noch DDR war und Ulbricht die Sophienkirche sprengen ließ, interessierte sich keine UNESCO für diese Stadt. Erst als Demokratie erhält man das Recht, von ihr bevormundet und gegängelt zu werden. Die Botschaft an Dresden lautet: Liebe Dresdner Bürger, Dresden ist so prächtig wieder aufgeblüht, Dresden ist so schön geworden, daß wir Euch leider jetzt die Entscheidungskompetenz über die Zukunft Eurer Stadt aus Euren tapsigen Händen nehmen müssen, damit Ihr plumpen Provinzler nicht alles wieder einreißt, was Ihr zufällig bisher aufgebaut habt.

 

Nach dem Belieben der Brückengegner änderte die UNESCO ihre Meinung. Sie wusste bei der Antragstellung über die durch Stadtratsbeschluß fixierte Bauabsicht der Stadt Bescheid und erteilte den Welterbezuschlag, um mit seinem Entzug zu drohen, als der Baubeginn näher rückte. Von Anfang an ließ sie sich instrumentalisieren. Den Welterbetitel ließ sie verkommen zu einer Möhre, die man einem Esel vor das Maul hält, um ihn in eine gewünschte Richtung zu lenken. Die UNESCO selbst beschädigte ihre Glaubwürdigkeit, ihre Autorität, ihre Kraft für das Weltkulturerbe zu streiten und den Wert der von ihr vergebenen Titel und der von ihr gefällten Entscheidungen.

 

Glücklicherweise war das Elbtal im Jahr 1991 noch nicht auf der Welterbeliste. Wer weiß, ob es engagierten Kirchenkreisen um Dietrich Mendt damals gelungen wäre, die UNESCO zu bewegen, den Bau der Frauenkirche zu unterbinden! Argumente dafür hätte es gegeben wie Sand am Meer. Nun gut. Die Gefahr war damals noch nicht so groß, denn ein beträchtlicher Teil der heutigen Definitionseliten, die unsere Stadt in ein einziges großes Filzpantoffelmuseum verwandeln werden (wenn wir nicht aufpassen) hat damals noch auf der Seite der Entwicklung und der Perspektiven unserer Stadt gestanden. Erst gelegentlich, wie bei dem plötzlich ausgebrochenem Orgelstreit – an dem sich übrigens auch leidenschaftlich der weltbekannte Orgelexperte Günther Blobel beteiligte – wurden damals geringfügige Zweifel am Geisteszustand mancher Beteiligten laut.

 

Apropos Vergangenheit: Nicht nur der Frauenkirchengedanke erregte seinerzeit erbitterten Widerstand unter den gebildeten, fortschrittlichen, gut meinenden Bürgern unserer Stadt. Nein! Fast Allem, was heute zu den Lebensgrundlagen des modernen Dresden gehört donnerten die Hass-Salven der Grünen und die verbalen Stalin-Orgeln der Linken in dieser Stadt entgegen. Wir nähern uns nun einer weiteren bedeutenden politischen Minderheit in unserer Stadt, einer weiteren Elite: der Blockadeelite. Die Blockadeelite ist manchmal ein eigenes Wesen und manchmal – wie jetzt im Fall der Brücke - der radikalpolitische Arm der Definitionselite, ihr Prekariat.

 

Gegen den Wiederaufbau der Frauenkirche gifteten sie einst: Dies gäbe den Mahnmalcharakter auf, den die Ruine habe. Gegen die Ansiedlung von Siemens gifteten sie: Die Heidebiotope seien in Gefahr. Gegen die Ansiedlung von AMD giftete man: Die Wilschdorfer Biotope seien in Gefahr. Gegen die Ansiedlung von VW giftete man: „Die Konzerne“ wollen eine Fabrik im einzigartigen Großen Garten bauen. Gegen die Autobahn giftete man: Die Kaltluftkorridore seien in Gefahr (falls man in Dresden baut) oder der Backofenfelsen und die Traubeneichen seien in Gefahr, falls man in Freital baut. Übrigens wuchtete man immer in larmoyantem Pathos den Superlativ auf die Barrikaden: Immer war, was man schützte „einzigartig“, „unwiederbringlich“, „einmalig“, oder es waren die „letzten“ Traubeneichen und die „letzten“ Magerwiesen und die „letzten“ Wachtelkönige. Erinnern Sie sich?

 

In keinem der Fälle hat sich das angekündigte Horrorszenario für die Stadt Dresden je eingestellt. Kaum ein Dresdner kann heute die geballte Hysterie der Blockadeelite von damals noch nachvollziehen. Alle von ihr erbittert bekämpften aber schließlich doch demokratisch erzwungenen Entscheidungen sind heute von den Bürgern Dresdens angenommen worden, in ihr Leben integriert, werden von unseren Gästen gern gesehen, akzeptiert und genutzt und kaum einer findet sie noch schlecht.

 

Allerdings haben wir einen Fehler begangen. Immer, wenn wir wieder eines unserer Projekte gegen den Widerstand der Blockadeelite und das Stirnrunzeln der Definitionselite durchgesetzt und vollendet hatten, haben wir ein fröhliches Fest und das Stück vom Lachen und Vergessen gefeiert. Bald wusste niemand mehr, wer in dieser Stadt über Jahre alle Kraft aufgewendet hatte, um den Menschen das Leben zu erschweren und die Zukunft der Stadt zu beschädigen.

 

Die schnell verfliegende Erinnerung der Dresdner Bürger und ihr allzeit präsenter Glaube an das Gute im Menschen führte immer wieder dazu, daß der Blockadeelite verziehen und ihre Taten vergessen wurden. Das ermöglichte ihr, ihre Todfeindschaft gegenüber jeder ihrer Ideologie zuwiderlaufenden Entwicklung unserer Stadt immer unbekümmerter und schrankenloser auszuleben. Nach jedem ihrer gescheiterten dummen Streiche holten sie mit vermehrter Kraft zum nächsten aus. Und viel zu wenige Bürger machen sich bewusst, daß das großartige Entwicklungspotential, das Dresden heute hat, nicht denkbar wäre, wenn sich die Blockadeelite auch nur in einem wesentlichen Punkt durchgesetzt hätte.

 

Deshalb rufe ich zu einer kleinen Maßnahme auf. Wir brauchen dazu eine Schere. Mit dieser Schere schneiden wir uns aus der Tagespresse alle Haßund Gifttiraden unserer Definitions- und Blockadeeliten aus und bewahren sie in einem dafür angelegten Album auf. In fünf oder sechs Jahren wird die Waldschlösschenbrücke ein rundum akzeptierter und angenommener Bestandteil unserer Stadt sein. Und unsere in Divisionsstärke auftretenden Don Quichottes werden auf die nächsten Windmühlen zustürmen. Dann gelangen die heutigen Ergüsse unserer Definitionselite und die Streiche unserer Blockadeelite gegen die Waldschlösschenbrücke in den Rang von psychiatrischen Befunden und jedes Kind begreift, daß die intellektuelle Katzbuckelei vor diesen selbsternannten Eliten eine peinliche, vordemokratische Fehlleistung war, derer man sich nur schämen kann.

 

Postskriptum: Die durch diesen Artikel Angegriffenen werden entgegnen: Welches Recht nehme ich mir heraus, andere des Fundamentalismus zu bezichtigen, wo ich doch genauso von der Richtigkeit meiner Auffassung überzeugt sei, wie jene von der ihren. Richtig! Aber ich meinte: Da wir unterschiedlicher Auffassung sind und diese Differenz – weil subjektiv begründet – durch Argumente nicht beizulegen ist, fragen wir das Volk und fügen uns dessen Mehrheit. Dies tue ich – mit Freude, wie ich einräume. Und ich hätte es auch getan, wenn das Volk anders entschieden hätte. Dies unterscheidet mich von unseren totalitären Eliten. Und dies unterscheidet unsere totalitären Eliten von Demokraten.

 

Dresden, 16.03.2007

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